LFDE: „Verlorene Illusionen?“

Olivier de Berranger, Chief Investment Officer bei LFDE-La Financière de l’Echiquier

Die lockerere Geldpolitik der Zentralbanken konnte in den ersten vier Monaten des Jahres die durchwachsenen Wirtschaftsdaten „übertünchen“, schreibt Olivier de Berranger, Chief Investment Officer bei LFDE-La Financière de l’Echiquier in seiner jüngsten Analyse.

04.06.2019 | 08:29 Uhr

Seit Jahresbeginn haben wir regelmäßig auf die vorherrschende Zweiteilung an den Märkten hingewiesen. Auf der einen Seite haben sich wichtige Indizes aufgrund des Schwenks der Zentralbanken zu einer lockereren Geldpolitik und der Korrektur einiger übertriebener Unterbewertungen deutlich erholt. Auf der anderen Seite stehen maue und sogar eindeutig schlechtere gesamtwirtschaftliche Daten überall auf der Welt. Mehr als vier Monate lang konnte der Kurswechsel der Zentralbanken diese durchwachsenen Daten an den Märkten übertünchen. Diese Zuversicht war jedoch schwach, wie der deutliche Performance-Abstand zwischen Stilen und Sektoren, defensiven Werten und Werten mit erkennbarem Wachstum, die bei weitem am beliebtesten waren, belegt. 

Es handelte sich um eine Zuversicht, die durch die von den USA neu angefachten Handelsspannungen schwer angegriffen wurde. Die Risiken rücken wieder vermehrt ins Bewusstsein der Anleger, die die gesamtwirtschaftlichen Daten nun genauer betrachten und allmählich Angst bekommen. Die Entwicklung verläuft an den Aktienmärkten letztlich noch moderat (die großen Indizes gingen im Vergleich zu ihren Jahreshochs um rund 5 bis 6 Prozent zurück), an den Zinsmärkten geht es jedoch heftiger zur Sache. 

Dies betrifft natürlich vor allem das Niveau der langfristigen Zinssätze. Zehnjährige US-Staatsanleihen schlossen die Woche bei 2,124 Prozent, dem tiefsten Stand seit September 2017, während zehnjährige deutsche Bundesanleihen auf -0,213 Prozent und somit auf einen historischen Tiefststand absackten. Darüber hinaus hat dies Auswirkungen auf die Struktur der Zinskurven. Insbesondere in den USA tendiert sie dazu, sich immer mehr umzukehren. Binnen Monatsfrist sank der dreimonatige Zinssatz von 2,418 Prozent auf 2,340 Prozent, während der zehnjährige Zinssatz von 2,503 Prozent auf 2,124 Prozent fiel! 

Dieser Abstand zwischen der Laufzeit von drei Monaten und von zehn Jahren auf der US-Zinskurve ist ein viel beachteter Indikator, um künftige Rezessionen vorherzusagen. Mit -0,38 Prozent liegt er auf Niveaus (wie beispielsweise im Sommer 2006 und im Sommer 2007), denen in den vergangenen 20 Jahren bald Rezessionen folgten. Bald, jedoch nicht sofort. Denn in der Vergangenheit lagen zwischen dem Erreichen dieser Niveaus und der eigentlichen Rezession immer noch mehrere Quartale. Dies bleibt dennoch beunruhigend, zumal der Abstand bereinigt um die Effekte des Quantitative Easing und des Quantitative Tightening der US-Notenbank noch größer erscheint. (Studie von Morgan Stanley)

Dieses seit einiger Zeit flüchtig zu beobachtende Phänomen beschleunigte sich in der vergangenen Woche offenkundig. Denn die Handelsspannungen lassen nicht nach. China soll einen Plan vorbereiten, um sein Monopol auf seltene Erden als Waffe gegen die USA einzusetzen, während auf US-Seite VizePräsident Mike Pence darauf hinwies, dass die Zölle auf chinesische Importgüter bei Bedarf „mehr als verdoppelt“ werden könnten. 

Zudem kündigte US-Präsident Donald Trump Zölle in Höhe von 5 Prozent auf sämtliche mexikanische Produkte an und bezichtigte das südliche Nachbarland, zu wenig gegen illegale Einwanderung zu unternehmen. Diese Zölle könnten zum 1. Juli auf 10 Prozent steigen und sich dann um weitere 5 Prozent pro Monat (bis zu 25 Prozent) erhöhen, bis das Problem geregelt ist. 

Neben diesen geopolitischen Konflikten sorgen auch die Konjunkturdaten weiterhin für Beunruhigung. Der Einkaufsmanagerindex für das verarbeitende Gewerbe in China verschlechterte sich erneut und sank von 50,1 auf 49,4. In den USA war der Index der Fed von Dallas für das verarbeitende Gewerbe stark rückläufig und lag deutlich unter den Schätzungen. In Europa enttäuschte das Wachstum des BIP in Italien im ersten Quartal mit +0,1 Prozent im Vergleich zu erwarteten +0,2 Prozent und vor allem mit einem Minus von 0,1 Prozent im Vergleich zum Vorjahr (und im Vergleich zu erwarteten +0,1 Prozent). 

So viele Aspekte, die Wasser auf die Mühlen der Zinsmärkte sind, deren Entwicklung ein stark verschlechtertes Bild der Lage zeichnet. Zu diesem Zeitpunkt scheint ein weiteres Übergreifen auf die Märkte für Risikoanlagen unvermeidlich. Nur die Aussicht auf Maßnahmen der Zentralbanken und insbesondere der Fed verhindert vorerst eine echte Kapitulation. Es bleibt abzuwarten, wer zuerst nachgibt: die US-Notenbank oder die Anleger. 

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