15.12.2016 | 11:12 Uhr

Erwarten Sie nicht zuviel vom Ölpreis

Erwarten Sie nicht zuviel vom Ölpreis
12/2016
Martin Hüfner
Assenagon (Website)

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Erwarten Sie nicht zuviel vom Ölpreis

In diesem Jahr scheinen sich die Ereignisse zu überschlagen. Jetzt steigt auch noch der Ölpreis.




  • Der Anstieg der Ölpreise in diesem Jahr hat sich statistisch bisher noch kaum in der Inflation niedergeschlagen.
  • Der Zusammenhang zwischen Ölpreisen und allgemeiner Geldentwertung wird vielfach überschätzt.
  • Gehen Sie davon aus, dass die Inflation bei steigenden Ölpreisen nur langsam zunimmt. Das hat auch Auswirkungen auf die Geldpolitik und die Zinsen.

Der Anstieg der Ölpreise in den letzten Tagen hat Hoffnungen geweckt. Viele erwarten, dass jetzt auch die Inflationsrate nach oben gehen wird. Das würde zur Normalisierung beitragen, nicht nur beim Geldwert, sondern auch an den Kapitalmärkten.

Ich habe mir das etwas genauer angeschaut. Das Ergebnis: So eng, wie das immer angenommen wird, ist der Zusammenhang zwischen Ölpreis und Inflation nicht. Ich möchte daher hier ein bisschen Wasser in den Wein der allgemeinen Erwartungen gießen. Hier die Gründe.

Als erstes sind die Erfahrungen der letzten Monate zu nen­nen. Seit Jahresanfang ist der Ölpreis um ca. 50 % gestiegen (von 37 auf 55 US-Dollar je Barrel). Die allgemeine Geldentwertung im Euroraum hat sich dagegen in dieser Zeit kaum bewegt. Sie ist gerade einmal um Dreizehntelprozentpunkte gestiegen, von 0,3 auf 0,6 %.

Auch längerfristig ist der Zusammenhang zwischen Ölpreis und Inflation nicht so hoch. Die Grafik zeigt die Entwicklung der letzten 20 Jahre. Schon mit bloßem Auge erkennt man, dass die Korrelation zwischen den beiden Zeitreihen nicht allzu groß ist. Statistisch beträgt sie gerade einmal 0,21. Viel kleiner kann ein Zusammenhang nicht sein (bei null gibt es keinen Zusammenhang, bei eins ist der Zusammenhang perfekt).

»So eng, wie das immer angenommen wird, ist der Zusammenhang zwischen Ölpreise und Inflation nicht.«

Auch wenn man sich einzelne Perioden etwas genauer anschaut, wird das Ergebnis nicht besser. Natürlich gab es Zeiten, in denen sich Ölpreis und Inflation weitgehend parallel entwickelten. Das war zum Beispiel in der großen Finanzkrise 2007/2008 der Fall, als Ölpreis und Inflation zuerst stark anstiegen und dann abrupt wieder fielen. Das war aber eher die Ausnahme. Über viele Jahre war das ganz anders. Von 2001 bis 2006 etwa ist der Ölpreis von 18 auf 73 US-Dollar je Barrel gestiegen. Die allgemeine Inflation blieb aber praktisch unverändert. Umgekehrt ist die Geldentwertung von 2011 bis 2014 wegen der Eurokrise deutlich gefallen (von 2,7 auf 0,5 %). Die Ölpreise aber haben sich lediglich von 123 auf 111 verringert. Das zeigt, wie vorsichtig man mit Schlussfolgerungen von den Ölpreisen auf die allgemeine Preissteigerung sein muss.

Theoretisch ist das auch einleuchtend. Der Ölpreis ist ein Preis unter hunderttausenden anderen, die monatlich für die Ermittlung des Verbraucherpreisindex erhoben werden. Die Kosten der Energie machen nur weniger als 10 % des Warenkorbs des Verbrauchpreisindex im Euroraum aus. Mehr als 90 % der Preise haben nichts – oder nur sehr indirekt etwas – mit dem Ölpreis zu tun. Selbst im Bereich der Energie ist der Ölpreis nicht dominant. Es gibt viele andere Energieträger, deren Preise sich keineswegs so wie der Ölpreis entwickeln. Haushaltsenergie (Strom, Gas und andere Brennstoffe) beispielsweise hat sich in Deutschland seit Jahresanfang überhaupt nicht verteuert. Heizöl und Kraftstoffe sind nur um 6,3 % teurer geworden.

Im Übrigen ist der Wechselkurs zu berücksichtigen. Der Ölpreis wird üblicherweise in US-Dollar gemessen. Was für die europäischen Preise aber relevant ist, sind die Preise in Euro. Sie können sich erheblich unterscheiden. Es gab Zeiten, in denen Öl teurer wurde, sich der Euro aber aufwertete. Dann ist der höhere Ölpreis beim Verbraucher in Europa gar nicht angekommen. In diesem Jahr spielt der Wechselkurseffekt allerdings keine Rolle, da sich der Euro/US-Dollar-Kurs seit Jahresanfang per Saldo kaum verändert hat.

Hinzu kommt, dass Öl selbst für den Verbraucher nicht direkt relevant ist. Er erwirbt es immer nur in einer verarbeiteten Form, sei es in Benzin oder Diesel oder in Kunststoffen, die mit Öl hergestellt werden. In die Preise dieser Produkte gehen aber noch eine Vielzahl anderer Komponenten ein. Unter anderem natürlich auch die verschiedenen Steuern. So kommt es, dass selbst der Benzinpreis nicht so stark vom Ölpreis beeinflusst wird. Seit Jahresbeginn hat sich der Preis für Superbenzin in Deutschland gerade einmal um 3,9 % erhöht (verglichen mit den ca. 50 % beim Ölpreis).

Durch die Verarbeitung des Öls entstehen auch immer zeitliche Verschiebungen. Es dauert eine Weile, bis der Ölpreis beim Verbraucher ankommt. Es ist daher problematisch, wenn man versucht, den Einfluss des Öls aus der Inflationsrate herauszurechnen. Das geschieht beispielsweise mit Hilfe der Kernrate. Sie besagt, wie sich der Preisindex ohne Energie entwickelt. Sie erhöht sich im Euroraum derzeit etwas stärker als der allgemeine Preisindex (0,7 %). Was man damit eliminieren kann, sind aber nur die unmittelbaren Effekte. Alles, was aufgrund höherer Ölpreise erst später teurer wird, wird nicht erfasst (etwa Reisen, Kunststoffe, etc.).

Für den Anleger

Versprechen Sie sich nicht zu viel von den steigenden Ölpreisen. Natürlich steigt die Inflation etwas. Solange sich die Konjunktur aber nicht stärker belebt, wird auch die allgemei­ne Inflation nicht schneller nach oben gehen. Daher werden auch die langfristigen Zinsen nach dem Schub der letzten Wochen zunächst nicht so stark weiter anziehen. Erst wenn sich die allgemeine Wirtschaftslage – etwa durch mehr Wachstum und mehr Inflation in den USA – verändert, wird sich die Geldentwertung erhöhen. Ich rechne damit aber erst für den Verlauf des kommenden Jahres. Erst dann wer­den auch die Zinsen weiter nach oben gehen.


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