13.11.2017 | 15:09 Uhr

Hüfner: Die neue Welt des Welthandels

Die neue Welt des Welthandels
11/2017
Martin Huefner
Assenagon (Website)

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Hüfner: Die neue Welt des Welthandels

Der Welthandel zieht in den letzten Wochen zwar an, bleibt aber weit hinter früheren Zuwachsraten zurück. Könnte das ein Omen sein, dass irgendetwas nicht rund läuft in der Kon­junktur?




  • Der Welthandel zieht an, anders als in den bisherigen Konjunkturzyklen ist er aber nicht mehr Wachstumstreiber Nr. 1.
  • Das hängt nicht nur mit den protektionistischen Tendenzen zusammen. Es spiegelt auch veränderte Verhaltensweisen der Unternehmen wider.
  • Langsameres Wachstum des Welthandels hat Auswirkungen auf die Kapitalmärkte. Hohe Exportquoten sind nicht mehr immer ein Plus.

Unter den vielen guten Konjunkturnachrichten, die in diesen Wochen veröffentlicht werden, sticht eine heraus, die so gar nicht in das Bild passt. Das ist die Entwicklung des Welthan­dels. Er zieht in den letzten Wochen zwar an, bleibt aber weit hinter früheren Zuwachsraten zurück. Könnte das ein Omen sein, dass irgendetwas nicht rund läuft in der Kon­junktur?

Nach der neuesten Schätzung des Internationalen Wäh­rungsfonds, die vor ein paar Wochen herauskam, wird der Welthandel in diesem Jahr real nur um 4,1 % zunehmen. Das entspricht in etwa auch den Prognosen anderer Insti­tutionen. Es ist ungewöhnlich wenig verglichen mit der Dy­namik, die gegenwärtig in der Weltwirtschaft insgesamt zu beobachten ist. Nach den bisherigen Erfahrungen müsste der Welthandel derzeit nicht um 4 %, sondern wenigstens um 6 % bis 7 % zunehmen.

Das langsamere Wachstum ist kein vorübergehender Aus­reißer. Es ist eine grundlegende strukturelle Veränderung. Die Grafik zeigt, dass sich das Verhältnis zwischen Welt­handel und globaler Wirtschaftsentwicklung in den letzten Jahren tiefgreifend verändert hat. Bis zum Jahre 2011 wuchsen die Exporte mit ganz wenigen Ausnahmen immer wesentlich schneller als das Bruttoinlandsprodukt. Im Schnitt war die Zunahme fast doppelt so hoch. Zeitweise erhöhten sich die Exporte sogar um bis zu 12 % pro Jahr. Seitdem ist die Luft aber raus. Der Welthandel nimmt nicht mehr schneller zu als die Gesamtwirtschaft. Seit 2012 lau­fen die beiden Kurven weitgehend parallel.

Die neue Normalität

Welthandel und -BIP real yoy in %

(Quelle: IMF)

Das ist eine neue Welt. Die Exporte sind nicht mehr der Wachstumstreiber Nr. 1. Sie sind nicht mehr dynamischer als die anderen Nachfragekomponenten. Sie entwickeln sich so normal wie der private Konsum, die Investitionen oder der Bau.

Viele bedauern das. Sie führen es in erster Linie auf den "Trump-Effekt" zurück, also die zunehmenden protektionis­tischen Tendenzen in der Welt. Das spielt sicher eine Rolle. Die staatlichen Eingriffe in den grenzüberschreitenden Wirt­schaftsverkehr haben in den letzten Jahren – auch unab­hängig von den Tiraden des amerikanischen Präsidenten – zugenommen. Die EU-Kommission listet in ihrem neuen Bericht über Handelshemmnisse allein aus letzter Zeit 36 Eingriffe in den freien Welthandel auf, die Exporte in Höhe von insgesamt EUR 27 Mrd. betreffen. Mit dem Brexit kom­men weitere Handelsbeschränkungen hinzu.

»Die Exporte sind nicht mehr der Wachstumstreiber Nr. 1. Sie entwickeln sich so normal wie der private Konsum, die Investitionen oder der Bau.«

Wir sollten die Schuld aber nicht nur beim Staat suchen. Wichtiger oder wenigstens genauso wichtig ist, dass bei den Unternehmen in den letzten Jahren ein Umdenken einge­setzt hat. Es gibt eine Rückbesinnung auf heimische Märk­te. Es hat sich gezeigt, dass die Vorteile niedrigerer Kosten etwa im fernen Asien oft nicht aufgewogen werden durch die größeren Schwierigkeiten der Steuerung der Produktion über so weite Entfernungen. Es lohnt sich wieder, verstärkt zu Hause zu produzieren.

Dies auch, weil die Kosten in den Schwellen- und Entwick­lungsländern vielfach stark gestiegen sind. China ist längst kein "Low Cost Producer" mehr, sondern verlegt sich auf innovative, technologisch anspruchsvolle Produkte. Wo die Kosten noch niedrig sind (wie in Teilen Afrikas) werden die Vorteile oft aufgewogen durch schlechte Infrastruktur und Unsicherheiten in der Politik. Hinzu kommt, dass einige Länder bewusst das Ziel verfolgen, die Abhängigkeit vom Export zu verringern und stattdessen stärker auf den priva­ten Konsum zu setzen. Siehe China zum Beispiel. In einer Reihe von Staaten nimmt die Kritik an zu hohen Exportquo­ten zu. Es ist verständlich, dass die Unternehmen darauf reagieren.

Die langsamere Zunahme des Welthandels ist also auch marktbedingt. Sie wird bleiben, selbst wenn der Protektio­nismus nicht mehr zunehmen sollte. Die Globalisierung kommt in eine neue Phase. Sie geht zwar nicht zurück, sie steigt aber auch nicht mehr. Ist das schlimm?

Natürlich gibt es negative Effekte. Schwellen- und Entwick­lungsländer, die über die Exporte ihre Entwicklung vorange­trieben haben, wachsen nicht mehr so schnell. Das Einkom­mensgefälle der Industrieländer zur Dritten Welt wird wieder größer. Staaten mit besonders hoher Exportabhängigkeit wie Deutschland verzeichnen weniger Nachfrage nach ihren Produkten.

Langsameres Wachstum des Welthandels hat aber auch Vorteile. Die Schwankungsanfälligkeit der Volkswirtschaften wird geringer. In der Vergangenheit waren die Exporte stets der volatilste Teil des Wachstums. Wenn die Exportquoten nicht mehr steigen, nimmt auch die wirtschaftliche Abhän­gigkeit vom Ausland nicht mehr zu. Das erhöht die Eigen­ständigkeit der Länder und den Spielraum nationaler Wirt­schaftspolitik. Die negativen Auswirkungen der Globalisie­rung auf die Ungleichheit in den Gesellschaften werden nicht mehr größer. Die deutschen Exportüberschüsse, die den Partnern sowohl in der EU wie auch in der Welt insge­samt ein Dorn im Auge sind, können leichter abgebaut wer­den, wenn die Exporte nicht mehr so schnell wachsen.

Auch Anleger

müssen sich auf die neue Welt einstellen. Bisher galt eine hohe Exportorientierung in der Regel als Zeichen guter Wettbewerbsfähigkeit und war ein Plus. Wenn der Welt­handel nicht mehr so stark wächst, muss man auf andere Kriterien achten, etwa die Innovationsfähigkeit, die Investi­tionen oder die Finanzierungsstruktur. Das gilt für die Aus­wahl der Unternehmen genauso wie für die regionale Allo­kation. Wenn die Schwankungen im Wachstum der Volks­wirtschaften nicht mehr so groß sind, könnte auch die Vo­latilität der Kapitalmärkte abnehmen.


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