14.02.2018 | 10:52 Uhr

Hüfner: Deutschland auf dem Abstellgleis

2/2018
Martin Hüfner
Assenagon (Website)

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Hüfner: Deutschland auf dem Abstellgleis

Hier mal ein paar grundsätzliche Bemerkungen zu dem, was sich derzeit in Berlin rund um die Koalitionsverhandlungen abspielt.





  • Deutschland fällt im wirtschaftlichen und politischen Machtgefüge in Euroraum zurück.
  • Das hängt unter anderem damit zusammen, dass andere Euroländer ihre Wirtschaft durch Reformen modernisieren, Deutschland aber nicht.
  • Das hat Konsequenzen für die künftige Struktur der Währungsunion.

Beim Ordnen meines Bücherschrankes stieß ich dieser Ta­ge auf ein interessantes Buch, das ich lange nicht in der Hand gehalten hatte. Es ist Mancur Olsons "The Rise and Decline of Nations" ("Aufstieg und Fall von Nationen"). Olson ist ein amerikanischer Professor und gehört zu den führenden Ökonomen des 20. Jahrhunderts. In dem Buch beschäftigt er sich mit der Frage, warum einzelne Volkswirt­schaften zeitweise hohe Wachstumsraten haben und wa­rum sie dann wieder zurückfallen.

Olsons These: Hohes Wachstum gibt es nur, wenn die Wirt­schaft durch Reformen in Schwung gebracht wird. In ruhi­gen Zeiten gewinnen Interessengruppen immer mehr Macht und Einfluss. Sie höhlen den Wettbewerb als Wachstums­treiber aus. Sie schwächen die Effizienz der Wirtschaft. Am Ende lässt die gesamtwirtschaftliche Dynamik nach. In einer stabilen Demokratie, so Olsons Schlussfolgerung, ist es auf Dauer unausweichlich, dass es zu Stagnation kommt.

Man könnte es auch so formulieren: Stabilität ist gut. Sie er­hält nicht nur den Geldwert. Sie bringt den Menschen in der Gesellschaft auch Sicherheit, Frieden und Ruhe. Der Preis aber ist, dass sie sich auf lange Sicht mit weniger Wohl­stand abfinden müssen. Olsons politischer Ratschlag: "Ich bin der Überzeugung, dass eine kleine Rebellion hier und da etwas Gutes ist; sie ist in der Welt der Politik so notwen­dig wie Stürme in der physischen Welt".

Das Buch ist 1982 erschienen. Die Thesen passen aber im­mer noch. Man kann sie auch auf die aktuelle Situation in Deutschland anwenden. Vor 15 Jahren gab es in der Bun­desrepublik die Hartz IV-Reformen, die die Verkrustungen des Sozialstaates aufbrachen. Das führte zu einem kräfti­gen Wachstumsschub. Jetzt ist es damit vorbei. Die Bun­desre­publik ist in die Phase der Stabilität eingetreten. Es gibt kei­ne größeren Reformen mehr. Die Politik beschränkt sich weitgehend auf Wohltaten für die Wähler. Siehe der Koali­tionsvertrag, der in Deutschland jetzt ausgearbeitet wurde.

»Eine kleine Rebellion hier und da ist etwas Gutes; sie ist in der Welt der Politik so notwendig wie Stürme in der physischen Welt.«

Aber, was Wunder, ganz entsprechend der Olsons'schen Theorie entstehen wieder Verkrustungen. Interessenver­bände erstarken. Symptomatisch sind die ewig langen Ver­handlungen über die Bildung einer neuen Regierung nach der letzten Bundestagswahl. Sie zeigten, wie schwierig Kompromisse zwischen den verschiedenen Lagern gewor­den sind.

Das gesamtwirtschaftliche Wachstum ist zwar noch hoch. Das liegt aber allein an konjunkturzyklischen Faktoren so­wie der expansiven Finanzpolitik. Der langfristige Wachs­tumstrend ist schon seit einiger Zeit nach unten gerichtet.

Nun könnte man sagen: Ist doch nicht so schlimm. Warum braucht man hohe Wachstumsraten, wenn die Menschen zufrieden sind? Auch eine Gesellschaft braucht mal Ruhe­phasen. Das Problem ist nur: Wir haben wegen der Zuwan­derung und wegen vieler gesellschaftlicher Spannungen durch die Flüchtlinge ohnehin keine Ruhepause. Zudem sind wir nicht allein in der Welt. Rund um Deutschland sind Länder, die sich derzeit in einer ganz anderen Phase der Entwicklung befinden. Sie sind in der Eurokrise zu Refor­men gezwungen wurden, die sich nun in höheren Wachs­tumsraten auswirken.

In der Grafik habe ich die Verhältnisse in Deutschland und Frankreich nach den Prognosen des IWFs gegenüberge­stellt. In Deutschland gehen die Wachstumsraten zurück.

Dr. Martin Hüfner,

Chief Economist bei Assenagon


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