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22.12.2006 14:01
Frauen: Von der Generation Sparbuch zur Generation Börsenspiel
Längst sind die Kapitalmärkte keine reine Männerbastion mehr. Das beweist n-tv-Moderatorin Carola Ferstl. Doch von Geschlechtergleichheit ist wenig zu sehen. Die Frau an der Börse – immer noch das unbekannte Wesen? Warum Frauen tatsächlich anders als Männer anlegen.
Die "Hausfrauen-Hausse" ist ausgeblieben

Als die "Bild"-Zeitung am 22. Februar 2000 zur Hochzeit der New Economy titelte: "Frauen spekulieren mit dem Haushaltsgeld", schien das manchen Frauenbewegten schon als Zeichen der endgültigen Emanzipierung an den Kapitalmärkten.

Carola Ferstl, Moderatorin der "Telebörse" auf n-tv, wurde zum Superstar der Branche und mutierte zur Galionsfigur der Gleichberechtigung in Sachen Geldanlage. Die Blase platzte, und die Privatanleger kehrten der Börse in Massen enttäuscht den Rücken – egal ob Frau oder Mann. Carola Ferstl nahm erst mal eine Babypause.

Seit Jahren geht es nun an den Märkten wieder aufwärts, der DAX erreicht die Stände von vor sechs Jahren. Ist Frau deshalb jetzt wieder bereit für die Damenwahl beim Tanz auf dem Börsenparkett?

Gleich vorneweg: Die "Hausfrauen-Hausse" hatte noch nie mit der tatsächlichen Beteiligung von Frauen am Börsengeschehen zu tun. Eine Umfrage des Deutschen Derivate Instituts unter Vermögens- und Bankberatern 2005 hat ergeben, dass zwölf Prozent der Männer Aktienfonds besitzen, aber nur sieben Prozent der Frauen.

Beim reinen Aktienbesitz liegen die zockenden Herren der Schöpfung mit elf Prozent weit vor den Frauen mit fünf Prozent. Immerhin: Bei Sparkonten, Lebensversicherungen und Immobilien herrscht bereits Emanzipation.

"Gut möglich, dass Frauen mehr Geduld beim Anlegen aufbringen"

Als Anlegerinnen an sich sind die Vertreterinnen des weiblichen Geschlechts schon erfolgreich. Das belegt eine Studie der National Association of Investors Corporation aus den USA: Beim Vergleich der Erfolge von rein männlichen und rein weiblichen Investmentklubs hatte die Damenriege eine durchschnittliche Jahresperformance von 32,1 Prozent, die Männer schafften im Schnitt nur ein Plus von 23,2 Prozent. Die Untersuchung beruht zwar auf den Ergebnissen des Jahres 1999, doch auch in neueren Befragungen liegen die Frauenklubs vor den Herrenriegen.

Sind Frauen genetisch bessere Anleger, lässt hexenhafte Magie sie in die Zukunft blicken? "Alles Unsinn", sagt Professor Rüdiger von Nitzsch, Inhaber des Lehrstuhls für Financial Behavior an der Universität Aachen. "Frauen machen einfach weniger Fehler als Männer."

Nitzsch spricht von "Selbstüberschätzung" und "Kontrollillusion" bei Männern. Will heißen: Im Durchschnitt handeln männliche Anleger hektischer als weibliche. Das kostet sie – nicht zuletzt aufgrund höherer Gebühren – Rendite. Eine umfangreiche Studie mit 70000 börsenaffinen Befragten hat zu dem Ergebnis geführt, was der Wissenschaftler mit "Frauen haben im Schnitt mehr Geduld" auf den Punkt bringt.

"Gut möglich, dass Frauen mehr Geduld beim Anlegen aufbringen", sagt Carmen Daub, Managerin von drei Rentenfonds von Oppenheim Pramerica und Leiterin des Bereichs Länderallokation. Ihre Fonds werden von der Ratingagentur Morningstar derzeit mit der Höchstwertung von fünf Sternen eingestuft. Doch Carmen Daubs Interesse war schon immer, "eigenverantwortlich Fondsportfolios zu managen". Karriereunterschiede zu den männlichen Kollegen habe sie nie feststellen können.

Carola Ferstl agierte 1987 mit "Gefühl" und "klarem Kopf"

Auch TV-Star Carola Ferstl hat sich nie über Karrierehindernisse beklagt. Mit Start des ersten nationalen Nachrichtensenders n-tv gab sie dem Börsenjournalismus ein Gesicht. Seit 1994 fotografiert auf roten Teppichen und gerne gestylt von der Edel-Designerin Anna von Griesheim spricht Ferstl von emotionaler Intelligenz ("EQ") als dem "weiblichen Zauberwort", wenn es um Erfolg beim Anlegen geht. Denn EQ sei es, was an der Börse das "Schlüsselmoment der Selbstkontrolle" ermögliche.

Ein "Gefühl" hätte sie vor Investitionen vor dem Schwarzen Freitag im Oktober 1987 bewahrt und unmittelbar danach unter männlichen Protesten anlegen lassen. Im Nachhinein also alles richtig gemacht. "Außerdem hatte ich meinen kühlen Kopf bewahrt, als der Markt insgesamt von Panik und Endzeitstimmung beherrscht war."

Momentan führt sie bei den Wirtschaftsmagazinen "n-tv Service Geld", "n-tv Service Steuern & Recht" und "n-tv Service Immobilien" durch die Sendung und moderiert den Investment-Check. Hinter den Kulissen und in ihren Büchern "Frauen investieren klüger" oder "Rundum sicher mit Geld" geht es der Moderatorin auch darum, die Frauen zu erreichen, die im Monat nur 50 Euro auf die Seite legen können.

"Frauen suchen zuerst nach wenig riskanten Anlagen" Schließlich ließen sich selbst bei kleinen Reserven "ansehnliche Vermögen ansparen". Ferstl: "Auch einen Riester-Vertrag kann man mit Aktien machen." Was Fachfrau Ferstl weiß, ist bei der großen Masse investierender Frauen allerdings noch nicht angekommen. Denn anders als die Profis in der Branche oder in Anlegerklubs liegt die Durchschnittsanlegerin mit ihrer Rendite immer noch etliche Prozentpunkte hinter dem Durchschnittsanleger zurück, wie auch Renate Schubert, Professorin am Institut für Wirtschaftsforschung der ETH Zürich, bei ihren Forschungen festgestellt hat.

Weibliche Minderperformance hat mehrere Gründe. Einer davon ist, so erklärt Expertin Schubert: "Frauen suchen zuerst nach wenig riskanten Anlagen – und diese bringen langfristig relativ wenig Gewinn." Ein Beispiel: Anja Blaku, Erfinderin der Trainingsmethode "Medical Move", ist seit 25 Jahren selbstständig, betreibt ein Sportstudio im Berliner Villen-Bezirk Zehlendorf. Die 44-Jährige blickt beruflich auf eine Erfolgsstory zurück, privat hat eine Scheidung jedoch ihre Finanzplanung stark beeinflusst.

Beide Kinder möchten studieren, die Altersvorsorge trägt sie als Single-Frau allein. Für die Sportlehrerin heißt dies "eingeschränkte Risikobereitschaft". Was zur finanziellen Absicherung bleibt, fließt zu 60 Prozent in feste Anlagen wie Lebensversicherungen und zu 40 Prozent in Aktienfonds. "Da habe ich wenigstens das Gefühl, dass das Risiko ein bisschen gestreut wird", sagt sie.

"Frauen hinterfragen mehr"

Anne Wulf hat 1988 den Fachverband der "Finanzfachfrauen" mitbegründet. Auch heute noch sieht sie den Bedarf nach einer speziell auf Frauen ausgerichteten Finanzberatung. "Frauen haben andere Befindlichkeiten, hinterfragen mehr." "Mehr Geduld" müsse man den Frauen entgegenbringen, die sich nach der Entscheidung für eine Anlage dann auch nicht mehr sehr darum kümmern möchten.

Was Frauen wollen hat auch eine von der Commerzbank in Auftrag gegebene Studie ergeben: Für 94 Prozent der befragten Frauen ist finanzielle Unabhängigkeit das wichtigste Ziel ihrer Lebensplanung. Der Wunsch nach einem festen Partner oder Kindern wurde weniger häufig genannt. Der Durchschnittsverdienst der Frauen liegt aber immer noch deutlich unter dem der Männer.

Zudem wird das im Schnitt steigende Einkommen der Frauen durch ein Ansteigen der Anzahl der Single-Haushalte relativiert. Die von Frauen in den 70er-Jahren eingeforderte Unabhängigkeit transportiert sie heute in die nicht immer freiwillig gewählte Freiheit und Unabhängigkeit von einem Partner. Allein leben ist teurer, da bleibt oft nur Gutverdienerinnen Spielgeld außerhalb sicherheitsorientierter Anlagen übrig.

Die Generation Sparbuch stirbt langsam aus

Das Zeug zum Zocker hätten Frauen jedenfalls, zeigt die Züricher Professorin Schubert: "Wir haben herausgefunden, dass Frauen in spezifischen Investment-Problemen mehr Risikoavers sind als wenn dieselben Entscheidungen in abstrakten Spielsituationen getroffen werden müssen." Der Unterschied zwischen Minus-Frauen und Plus-Männern ist also nicht genetisch bedingt.

Vielleicht historisch? In weniger als einem Jahrhundert hat sich eine stille Revolution vollzogen. Bis 1921 durften Frauen in Deutschland nicht einmal ein eigenes Konto besitzen. Selbst mit der Gründung der Bundesrepublik wurde eine Ehefrau nur unter Zustimmung des Mannes berufstätig. Und die Vorsicht mit der Aktie mag vom Respekt der Mütter und Großmütter vor Umgang mit Geld überhaupt zeugen.

Die Generation Sparbuch stirbt langsam aus, und Finanzfachfrau Wulf stellt eine Entwicklung hin zu mehr Risikobereitschaft bei Frauen im mittleren Alter fest: Nach längeren Gesprächen entschieden sie sich gerne für Fonds, die bei einer Chance auf höhere Renditen ein übersichtliches Risiko beinhalten. Bis zur weiblichen Generation Börsenspiel kann es also nicht mehr allzu lange dauern.

Noch viel Arbeit für Carola Ferstl

Ob sich damit auch gleich ein größerer Erfolg bei der weiblichen Investition einstellt, ist indes nicht selbstverständlich. So ist etwa Geldanlegen Stress für Frauen, fanden die Universitäten der US-Bundesstaaten Iowa und Ohio in einer gerade veröffentlichten Studie heraus. Das Thema Investieren zerrt deutlich stärker am Nervenkostüm von Frauen als an dem von Männern. Dabei waren von den befragten Frauen fast 60 Prozent für Verwaltung und Investition des Haushaltseinkommens zuständig.

Die Studie verdeutlicht auch noch andere Geschlechterunterschiede: Frauen verlassen sich bei der Geldanlage mehr auf professionelle Berater. Noch viel mehr aber halten sie sich an Informationen aus dem Freundes- und Kollegenkreis. Liegt hier der Schlüssel zur langfristigen Minderperformance von Frauen-Depots?

Offensichtlich, denn wie die US-Forscher feststellten, beobachten weibliche Anleger um ein Drittel weniger als Männer Internetseiten zum Marktgeschehen, informieren sich um 20 Prozent weniger durch Newsletters, nutzen nur halb so oft Software für ihre Finanzdispositionen und nehmen um über 60 Prozent weniger die Möglichkeiten des Internet-Tradings wahr.

Dabei gibt Expertin Schubert zu bedenken: "Information beginnt, eine Schlüsselrolle bei der Bereitschaft zu riskanteren Investments zu spielen." Im Gegensatz zu Männern aber ließen Frauen lieber die Finger von einer Anlage, wenn sie sich nicht voll informiert fühlen.

Rein vom Gefühl her ist Frau allerdings jetzt schon der bessere Anleger: Jede zweite ist überzeugt, dass sie mit Geld besser umgehen kann als Männer, so eine von Emnid Mitte November veröffentlichte repräsentative Umfrage für die BHW Bausparkasse. Gleichzeitig, so die Umfrage, sagt jede dritte Frau immer noch: "Geldanlage interessiert mich nicht." Noch viel Arbeit für Carola Ferstl.


Weitere Infos: www.carolaferstl.de
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