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25.09.2009 11:34
"Regierungswechsel treiben die Kurse"
Sowohl SPD als auch CDU/CSU wollen die Große Koalition beenden. Die Börse würde profitieren, sagt Raimund Saxinger von Frankfurt Trust. Der Experte hat den Einfluss von Wahlen und Politik auf die Aktienmärkte untersucht.
Fundresearch: Herr Saxinger, politische Börsen haben angeblich kurze Beine. Stimmt die Anlegerweisheit?
Raimund Saxinger: Nein. Die Politik beeinflusst die Märkte, schließlich setzt eine Regierung Rahmenbedingungen für unternehmerisches Handeln. Doch ist es sehr schwer, den Einfluss der Politik exakt zu bestimmen. Denn zahlreiche externe Faktoren, wie etwa Rohstoffpreise, Wechselkursentwicklungen, vor allem aber das internationale Umfeld, wirken ja ebenfalls auf die Kurse ein.

? Die kommende Bundestagswahl findet vor dem Hintergrund einer schweren Finanz- und Konjunkturkrise statt. Diese hat bereits die noch amtierende Regierung gefordert, die Lösung der Krise wird wohl auch zentrale Aufgabe der künftigen Administration sein. Ist die Wahl am 27. September für die Märkte daher von entscheidender Bedeutung?
Saxinger: Die aktuelle Situation ist nicht so einmalig wie vielfach angenommen. Auch die Wahlen in den 70er Jahren fanden in konjunkturellen Abschwungphasen statt. Die aus Anlegersicht vor Wahlen in wirtschaftlich schwierigen Zeiten stets entscheidende Frage lautet: Überwindet die künftige Regierung die Krise, indem sie Investitionsanreize schafft, oder hemmt sie unternehmerische Initiative? Je weniger dirigistisch sie in die Wirtschaft eingreift, desto besser für Unternehmen, aber auch für die Volkswirtschaft als Ganzes. Denn man kann immer nur verteilen, was vorher erwirtschaftet wurde, das wird häufig vergessen.

? In den vergangenen Monaten hat sich die Staatsquote in der Wirtschaft schon deutlich erhöht. Sind Maßnahmen wie etwa die Abwrackprämie weiter notwendig, um die Rezession nachhaltig zu überwinden? Und muss die künftige Regierung die Finanzakteure nicht deutlich strenger als bislang kontrollieren, um Spekulationsexzesse mit ihren verheerenden Wirkungen auf die Wirtschaft künftig zu verhindern?
Saxinger: Die aufgelegten Konjunkturprogramme waren im Großen und Ganzen richtig, wenngleich im Detail einiges kritisiert werden kann. Auch sollten Übertreibungen am Finanzmarkt eingedämmt werden. Das sehe ich allerdings als Aufgabe der Eigentümer, z.B. der Aufsichtsräte. Noch mehr Staat in der Wirtschaft sowie die totale Regulierung der Kapitalmärkte sind meiner Meinung nach jedoch das falsche Rezept. Sie verhindern Innovationen und gefährden so einen nachhaltigen Aufschwung.

? Bundeskanzlerin Angela Merkel und der Kanzlerkandidat der SPD, Frank-Walter Steinmeier, wollen keine Fortsetzung der Großen Koalition. Sind Regierungswechsel eigentlich gut oder schlecht für die Aktienmärkte?
Saxinger: Getreu dem Motto "Neue Besen kehren gut" führte ein Regierungswechsel wie er in den Jahren 1969, 1983, 1998 und 2005 stattfand, kurzfristig zu steigenden Kursen. In welche politische Richtung es dabei geht, spielte für die Marktteilnehmer prinzipiell keine Rolle. Als etwa Gerhard Schröder 1998 Bundeskanzler Helmut Kohl ablöste, reagierte die Börse darauf insgesamt erfreut. Auch die Übergabe Schröders an Angela Merkel honorierte die Börse in den ersten hundert Tagen nach der Wahl mit steigenden Aktienkursen.

? Wie sieht es mit der Volatilität der Kurse aus?
Saxinger: Tendenziell führte ein Wahlsieg der SPD zu volatileren Aktienmärkten. So schwankten Aktienkurse bei einer SPD geführten Regierung bislang in den ersten hundert Tagen nach der Wahl im Schnitt um 11,1 Prozent, während die Volatilität bei Wahlsiegen der Union im Schnitt 6,9 Prozent betrug.

? Worauf führen Sie dies zurück?
Saxinger: Bei SPD/FDP- und SPD/Grünen-Koalitionen war das Meinungsspektrum innerhalb der Regierung größer als bei CDU/FDP. Die Differenzen zwischen den Partnern weckten bisweilen Zweifel an der Haltbarkeit der Regierungsbündnisse, aber auch daran, wo die Reise denn hingeht.

? Welches Wahlergebnis bzw. welche Koalition wäre für die deutsche Börse aktuell am Besten?
Saxinger: Den stärksten Rückenwind für den Aktienmarkt brächte wohl Schwarz-Gelb. Die Parteien wollen Steuersenkungen für die Verbraucher und gelten generell als unternehmerfreundlicher als SPD/Grüne. Links-Links-Grün wäre dagegen die schlechteste Variante.

? Ist es sinnvoll, sich entsprechend der Wahlaussagen der Parteien am Aktienmarkt zu positionieren? Die SPD will unter anderem verstärkt in Erneuerbare Energien investieren und bis 2021 alle Kernkraftwerke vom Netz nehmen. Im Gegensatz dazu spricht sich die Union für längere Laufzeiten aus?
Saxinger: Ein Sieg der Union könnte durchaus kurzfristige Kurssteigerungen bei Versorgerwerten auslösen. Dies ist jedoch teilweise bereits eskomptiert. Allerdings könnte eine Verlängerung der Laufzeiten mit einer finanziellen Gegenleistung der Unternehmen verbunden sein. Nicht alle Anleger wissen dies. Kommt der News-Flow erst einmal in Gang, sind Korrekturen nicht ausgeschlossen. Gut möglich, dass eine Koalition unter Führung der SPD einen Kursschub für Unternehmen aus der Solarbranche mit sich bringt. Anleger sollten sich jedoch die jeweiligen Unternehmen und ihr Geschäftsmodell vor dem Einstieg genau ansehen.

? Die SPD erwägt eine Börsenumsatzsteuer. Wie würden die Anleger darauf reagieren?
Saxinger: Dies wäre nicht nur generell negativ für die Aktienkurse, sondern für die gesamte Volkswirtschaft. Auf der einen Seite würde die Einführung einer Börsenumsatzsteuer den Unternehmen erheblich erschweren, sich über den Kapitalmarkt zu finanzieren. Investitionsvorhaben müssten unter Umständen aufgegeben werden. Auf der anderen Seite konterkariert diese Maßnahme zudem die vom Staat propagierte private Altersvorsorge und Ersparnisbildung des "kleinen Mannes".

Im Profil:
Raimund Saxinger studierte Betriebswirtschaft an der Universität Passau. Seine Investmentkarriere startete der Diplom-Kaufmann bei der Bayerischen Hypotheken- und Wechselbank in München. Von 1993 bis 1997 arbeitete Saxinger bei allfonds investment (Hypobank-Konzern). Danach war er drei Jahre lang verantwortlich für den Aufbau von Aktienfonds bei Postbank Invest. Seit 2000 ist Saxinger bei Frankfurt-Trust. Unter anderem ist er verantwortlich für acht Spezialfonds mit einem Volumen von über einer Milliarde Euro.

Autor: Jörg Billina
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