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28.11.2006 16:02
Jim O’Neill, Goldman Sachs: "2050 ist China die Nummer 1"
Eines Tages werden die heutigen Schwellenländer die wichtigsten Wirtschaftsmächte der Erde sein – nur wann? FundResearch sprach mit Jim O’Neill, Chefvolkswirt von Goldman Sachs und Erfinder des BRIC-Konzepts.
"2050 wird China die größte Volkswirtschaft der Erde sein"

FundResearch: Herr O’Neill, Sie haben den Ausdruck BRIC erfunden und geprägt. Warum beschränken Sie sich ausgerechnet auf die vier Märkte Brasilien, Russ land, Indien und China?

Jim O’Neill: Weil diese vier unter den Schwellenländern in der Zukunft die bedeutendste Rolle für die Weltwirtschaft spielen werden. Im Jahr 2050 wird China unseren Hochrechnungen zufolge die größte Volkswirtschaft der Erde sein, Indien wird Platz 3 belegen, Brasilien Platz 5 und Russland Platz 7. Die restlichen Schwellenländer spielen – abgesehen von Mexiko – keine so entscheidende Rolle. Mexiko wird sich in etwa zwischen Brasilien und Russland einordnen.

FundResearch: Warum blieb Mexiko dann im BRIC-Konzept außen vor?

O’Neill: Sicher hätten wir auch fünf Länder aufnehmen können und würden dann vielleicht von BRIMC sprechen. Aber wir wollten eine Streuung über verschiedene Regionen hinweg erreichen und waren der Meinung, dass Brasilien den lateinamerikanischen Raum besser repräsentiert, weil Mexiko etwas stärker an der US-Konjunktur hängt.

"Die BRIC-Staaten sind weniger risikoreich als die anderen Schwellenländer"

FundResearch: Also war auch Unabhängigkeit von den USA ein Kriterium?

O’Neill: Ja und nein. Wenn Sie in Schwellenländer investieren, wollen Sie mit Sicherheit ein Gegengewicht zu Ihren Anlagen in etablierten Märkten schaffen, das stimmt schon. Aber in erster Linie geht es ums Risiko: Engagements in BRIC-Staaten sind weniger risikoreich als in anderen Schwellenländern.

FundResearch: Warum das?

O’Neill: Weil diese vier Volkswirtschaften sehr stabil wachsen und auch untereinander geringe Korrelationen aufweisen. Russland zum Beispiel bezieht seinen wachsenden Wohlstand zu einem großen Teil aus den steigenden Rohstoffpreisen. China hingegen ist Rohstoffimporteur und bildet so ein natürliches Gegengewicht.

"Eine globale Rezession ist nicht in Sicht"

FundResearch: Dafür ist China wiederum von den Exporten in die USA abhängig.

O’Neill: Das ist eine der Gefahren, ja. Bis zu einem gewissen Grad wären auch einzelne BRIC-Staaten von einer globalen Rezession betroffen, die allerdings im Moment nicht in Sicht ist. Aber sicher ist es eine der Hauptaufgaben der chinesischen Regierung, den Konsum im Inland anzukurbeln. Exporte in die Vereinigten Staaten machen immerhin zehn Prozent des chinesischen Bruttoinlandsprodukts aus.

FundResearch: Trotzdem läuft der chinesische Aktienmarkt derzeit wie geschmiert.

O’Neill: Und er kann noch ein gutes Stück weiterlaufen. Die chinesischen Unternehmen achten jetzt stärker auf Profitabilität als früher. Außerdem sind einige Beschränkungen für ausländische Investoren weggefallen, weshalb mehr internationales Kapital nach China fließt. Und – last but not least – gehen wir ja davon aus, dass die USA in den nächsten Jahren mit Raten von zwei bis drei Prozent pro Jahr weiter wachsen werden. Insofern spricht die Abhängigkeit von Exporten in den USA nicht unbedingt gegen China. Wer allerdings ein defensives Investment sucht, um sich gegen einen drohenden Einbruch der US- und damit der Weltkonjunktur abzusichern, ist besser beraten, sich in Indien zu engagieren.

"Brasiliens Aktien sind konkurrenzlos günstig"

FundResearch: Also ist Indien der bessere Asien-Play?

O’Neill: Zurzeit nicht, weil der Markt sehr teuer ist. Wenn die indische Volkswirtschaft im nächsten Jahr mit acht Prozent wächst, könnten sich die relativ hohen Bewertungen zwar relativieren. Wir sind aber eher vorsichtig und prognostizieren sechs Prozent. Sehr langfristig gesehen, ist Indien aber sicher ein Land mit exzellenten Aussichten, da die Wirtschaft von allen BRICs am stärksten wächst und die Handelsbeziehungen zu den USA eher eine geringe Rolle spielen. Wir gehen bis 2050 von einem durchschnittlichen Wachstum von 5,6 Prozent aus.

FundResearch: Ein sehr langer Zeitraum. Wo sehen Sie denn kurzfristig die besten Chancen?

O’Neill: Neben China würden wir derzeit vor allem Brasilien übergewichten. Das ist in erster Linie eine Bewertungsfrage. Das durchschnittliche Kurs/Gewinn-Verhältnis brasilianischer Unternehmen auf Basis der Schätzungen für 2007 liegt bei konkurrenzlos günstigen 7,7. In Europa sind es 12,8, in den USA 15,0, in Indien sogar 16,6. Brasilien hat deshalb auf Sicht von zwei, drei Jahren das meiste Nachholpotenzial.

"2035 wird uns Russland überholen"

FundResearch: Und Russland?

O’Neill: Russland hat mit einem durchschnittlichen KGV von 11,5 beinahe das Niveau von Westeuropa erreicht, weshalb wir kurzfristig etwas weniger Potenzial sehen als in Brasilien oder China. China ist mit 13,0 zwar durchaus auch auf europäischem Niveau, wächst aber schneller – bis 2010 voraussichtlich mit Raten von 8,6 Prozent. Langfristig muss man Russland allerdings auch auf der Rechnung haben, der Wohlstand dort wird in 30 bis 40 Jahren sehr nahe am westeuropäischen Standard sein.

FundResearch: Und eines Tages wird die russische Volkswirtschaft Ihrer Prognose zufolge an der deutschen vorbeiziehen. Wann ist damit zu rechnen?

O’Neill: Das wird etwa um das Jahr 2035 so weit sein – unabhängig davon, wie sich die Öl- und Gaspreise entwickeln. Es ist einfach Folge des stärkeren Wachstums und fällt damit exakt in den Zeitraum, in dem China die USA von Platz eins verdrängen wird. Wir sind bislang davon ausgegangen, dass China, gemessen am Bruttoinlandsprodukt, im Jahr 2042 zur größten Volkswirtschaft der Erde aufsteigt, haben die Prognose jetzt aber um sieben Jahre nach vorn revidiert.


BRIC-Fonds: Performance seit 1.1.2006 (in %)*
1. dit-BRIC Stars - A – EUR: 38,0
2. DWS Invest BRIC Plus LC: 29,3
3. ISI BRIC Equities: 27,0
4. Schroder BRIC EUR acc A: 26,3
5. Templeton BRIC A acc $: 25,9
6. AXA WF Talents Brick A: 25,5
7. HSBC GIF BRIC Freestyle M2C: 25,0

Quelle: *FINANZEN FundAnalyzer, Performance auf Euro-Basis, Stand: 24.11.2006.


Weitere Infos: http://de.wikipedia.org/wiki/BRIC-Staaten
ING (L) Invest
Aktien: Revival der Large Caps
Robeco
Lohnerhöhungen in China steigern den Konsum
Vontobel
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