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08.08.2017 | 10:16

Capital Group: Wie stark sind die Populisten? Investmentperspektiven

Als die Briten vor einem Jahr für den EU-Austritt stimmten, hatten die Populisten Oberwasser, und auch danach blieben sie nicht ohne Einfluss auf die Politik. Was könnte Europa und den USA noch bevorstehen? Wie erklärt sich der langfristige Siegeszug des Populismus, und welche Konsequenzen hat all dies für Investoren?

Populismus in Europa eingedämmt, aber noch nicht besiegt Nach dem Brexit-Referendum fürchtete man Dominoeffekte in den anderen EU-Ländern. In Frankreich, den Niederlanden, Italien, Schweden, Österreich und Dänemark forderten populistische Parteien Volksabstimmungen über den Verbleib in der EU. Selbst in Ländern mit nur wenigen Populisten im Parlament können ihre Parteien Druck auf den politischen Mainstream ausüben und Themen setzen. Man bedenke, wie sehr die UK Independence Party auf den EU-Austritt hingearbeitet hat.

Wenn Großbritannien beweist, dass seine Wirtschaft auch außerhalb der EU eine Chance hat, könnten Populisten in anderen europäischen Ländern Auftrieb bekommen. Die europäische Integration könnte dann ins Stocken geraten oder gar zurückgefahren werden. Europäische Populisten könnten davon profitieren, dass mit Donald Trump 2016 ein politischer Außenseiter zum Präsidenten der größten westlichen Demokratie gewählt wurde.


Die jüngsten Entwicklungen könnten aber auch das Gegenteil bewirkt haben. Die Gefahren von Protestwahlen und zu großer Sorglosigkeit wurden allzu deutlich. Nach einer YouGov-Erhebung gingen bei den Unterhauswahlen im Juni 57% der 18–19-Jährigen und 59% der 20–24-Jährigen zur Wahl, gegenüber nur 43% bei den Wahlen 2015. In den letzten Monaten schnitten populistische Parteien meist wesentlich schlechter ab als erwartet – etwa in Frankreich, den Niederlanden und in Österreich. Vor allem Emmanuel Macrons Wahlsieg stärkte die EU-Befürworter. Die Parteien der Mitte waren sehr erleichtert; die Populisten schienen zurückgedrängt zu werden.

Die Gründe für den Aufstieg des Populismus in Europa – wie hohe Arbeitslosig- keit und Einwanderung – bestehen fort, und seit der internationalen Finanzkrise 2008 hat die Zustimmung zur EU nachgelassen. Die Zustimmung zum Euro blieb aber recht stabil. Hinzu kommt, dass den nationalen Regierungen noch weniger vertraut wird als der Union. So unzufrieden viele Europäer mit der EU sein mögen, so wenig wollen sie sie (jetzt schon) abschaffen. Aber sie wollen, dass sich etwas ändert – wirtschaftlich wie politisch. Und sie sind dafür durchaus zu einer Protestwahl bereit. Doch den Umfragen zufolge wollen die meisten noch immer lieber in der EU leben als außerhalb (und im Euroraum, falls relevant). Es ist extrem schwierig, Faktoren zu prognostizieren, die zum Zerfall einer Währungsunion führen könnten. Meist ist es so weit, wenn ihre Kernländer nicht mehr wollen. Man sollte also vor allem auf Deutschland, Frankreich und Italien achten.

Noch immer wenig Klarheit in den USA
Seit Trumps Wahlsieg versuchen die Investoren, herauszufinden, welche Teile seines Programms er umsetzt und was das für das Wachstum und die Volkswirtschaft bedeutet. Infrastrukturausgaben, Deregulierung und Steuerreformen könnten nützlich sein, aber Einschrän-kungen von Außenhandel und Einwanderung in Kombination mit politischer Unsicherheit können dem Wachstum schaden. Bei keinem dieser Punkte sieht man bislang wirklich klar. In Trumps Haushaltsplan für das Jahr 2018 scheinen die Infrastrukturausgaben nur sehr leicht angehoben zu werden, und konkrete Steuersenkungspläne fehlen völlig. Trump hat mehrere Dekrete erlassen, um eine weniger strenge Anwendung der derzeitigen Regulierung zu prüfen oder umzusetzen. Bislang gibt es aber noch kein einschlägiges Gesetz. Die vorgeschlagenen Einwanderungsrestriktionen sind rechtlich problematisch, und beim Außenhandel hat sich noch gar nichts getan. All dies zeigt vor allem eins: Wenn Populisten erst an der Macht sind, stoßen ihre Programme schnell an praktische Grenzen. Kompromisse sind dann unausweichlich.

Populismus als Folge wirtschaftlicher und kulturellerUnsicherheit
Auslöser der derzeitigen Populismuswelle ist wirtschaftliche und politische Unsicherheit. Seit der internationalen Finanzkrise ist die Arbeitslosigkeit in Europa nicht wirklich zurückgegangen, und in den USA stagnieren die Löhne. Aus Sicht der Arbeiter sind Globalisierung und neue Technologien Gefahren für ihre Arbeitsplätze – und die Einwanderung eine Gefahr für ihre kulturelle Identität.

In Europa kamen Terroranschläge hinzu. Darüber hinaus glauben viele, dass die Regierungen nur aus Angehörigen von Eliten bestehen, die ausschließlich Eigeninteressen verfolgen – und die bereits während der Finanzkrise die Schuldigen gerettet haben, um den Preis von Austerität und neuem Elend für die Massen. Die Abbildung unten, vom früheren Weltbankvolkswirt Branko Milanovic, zeigt, wie sich die weltweiten Realeinkommen von 1988 bis 2008 verändert haben. Auf der x-Achse ist die Weltbevölkerung abgetragen (von arm bis reich), auf der y-Achse der prozentuale Realeinkom- mensanstieg im Betrachtungszeitraum.

Die Grafik bekam den Spitznamen „Elefantenkurve“ – sie gleicht einem Elefanten, der seinen Rüssel hebt.


Man sieht, dass die Reichsten viel hinzugewonnen haben, aber auch die Einkommen der wachsenden Mittelschicht in Schwellenländern wie China, Indien und Brasilien deutlich gestiegen sind. Es gibt aber auch eine Gruppe in der Mitte – vor allem die Unter- und Mittelschicht in den reifen Volkswirtschaften Europas und in den USA – deren Einkommen stagnierten. Und auch die Menschen mit den welt-weit niedrigsten Einkommen hatten 2008 nicht viel mehr als 20 Jahre zuvor.

Ähnlich argumentierte letztes Jahr dasMcKinsey Global Institute in einer Studie zur Einkommensungleichheit.Demnach haben die Haushaltseinkommen der Industrieländer (einschließlich USA und Westeuropa) von 2005 bis 2014 in den meisten Einkommensgruppen stagniert oder sind sogar gefallen. Dies steht in einem deutlichen Gegensatz zu den zwölf Jahren zuvor, als die Einkommen in fast allen Einkommensgruppen stiegen.

Was bedeutet das für Investoren?
Politische Entwicklungen wie diese führen oft zu Kurseinbrüchen, wenn sie unerwartet kommen. Aber sie haben nur selten längerfristige Auswirkungen. Konjunktur und Geldpolitik sind oft wich- tiger, und sie bieten researchorientierten Investoren Mehrwertchancen. Hinzu kommt, dass politische Entwicklungen schwer zu prognostizieren sind – und längst nicht immer klar ist, wie der Markt reagieren wird: Vor der US-Präsidentschaftswahl schienen Investoren einen Sieg Trumps zu fürchten, aber nach der Wahl legten die Kurse kräftig zu. Unsere Portfolios sind in Aktien von bewährten Qualitätsunternehmen investiert. Wir glauben, dass solche Unternehmen unabhängig von der Marktentwicklung rentabel bleiben. Trotz der derzeitigen wirtschaftlichen und politischen Unsicherheit sind Aktien nicht sehr volatil, und die europäischen Indizes liegen nur knapp unter ihren Allzeithochs. Wir sind uns der Risiken bewusst und versuchen, mit ihnen umzu- gehen. Wir glauben aber auch, dass es sich meist lohnt, Kurs zu halten. Deshalb investieren wir weiterhin langfristig.





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