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22.12.2015 | 08:00

Bellevue: Die Zukunft der Diagnostik hat erst begonnen

Das Marktpotenzial für Gentests ist riesig. Experten überbieten sich mit ihren Prognosen. Zum Jahresanfang könnten die Karten neu gemischt werden.

An Konferenzen in New York und Boston hat das Portfoliomanagement des BB Adamant Medtech (Lux) Fonds mit dem Top Management von mehr als 30 Unternehmen gesprochen. Es zeigte sich, dass nur wenige Unternehmen im Kampf um Marktanteile richtig aufgestellt sind.

Obwohl beschränkte klinische Langfristdaten und fehlende Kostenrückerstattung ein (noch) stärkeres Marktwachstum verhindern, positionieren sich Marktteilnehmer strategisch und investieren Milliarden in die Marktentwicklung. Doch trotz aller Euphorie ist Vorsicht angebracht. Nur wenige Unternehmen sind im Kampf um Marktanteile richtig aufgestellt und zum Jahresanfang könnten die Karten neu gemischt werden. Im Januar startet die weltweit grösste Healthcare-Konferenz von JP Morgan in San Francisco.

Marktführer Illumina hat dort schon mehrmals neue Sequenzierer präsentiert. Die wirklich grosse Überraschung könnte aber Roche Diagnostics einen Monat später an der wichtigsten Fachmesse AGBT (Advances in Genome Biology and Technology) in Orlando, Florida, landen. Roche ist alleiniger Goldsponsor, ihr exklusiver klinischer Technologiepartner Pacific Biosciences (PacBio) ist Silbersponsor und das kürzlich von Roche übernommene Unternehmen Kapa Biosystems ist Bronzesponsor. Wer solch einen prominenten Auftritt wählt, hat vermutlich Wichtiges zu enthüllen.

Dazu passt, dass Roche Diagnostics Ende November die letzte Meilensteinzahlung über 20 Millionen US-Dollar an ihren Entwicklungspartner PacBio gezahlt hat, der exklusiv für Roche einen Sequenzierer für die klinische Diagnostik entwickelt. Das könnte auch den Aktienkurs von Qiagen beeinflussen, ebenfalls Silbersponsor an der AGBT, die ihr kürzlich lanciertes GeneReader NGS System vorstellen werden. Selektion ist angesagt. Einige Aktien haben stark korrigiert und bieten gute Einstiegskurse.

Mehrere Ansätze für Diagnostiktests

Das riesige Marktpotenzial von Sequenzierung und Liquid Biopsy Tests ist unbestritten und wird beispielsweise von Isaac Ro, einem als konservativ geltenden Finanzanalysten bei Goldman Sachs, auf USD 14 Mrd. in den nächsten zehn Jahren geschätzt. Manche Analysten prognostizieren sogar USD 20 Mrd.

Die Chancen für Diagnostiktests sind besonders dort aussichtsreich, wo die bestehenden Testverfahren ungenügend sind und die Probengewinnung für Patienten hohe Risiken birgt. Das gilt etwa für die Früherkennung von Trisomie-21. Sequenzierbasierte nichtinvasive pränatale Tests (NIPT) dürften als standardisierte Testkits auf den Markt kommen und die invasive Fruchtwasseruntersuchung selbst im Normalrisikosegment komplett verdrängen. Grosses Potenzial bergen zudem Tests, die im Blutkreislauf DNA-Fragmente von absterbenden Krebszellen nachweisen. Die Tests übernehmen bei personalisierten Krebstherapien die Steuerung für die Medikamentenabgabe und verbessern den Behandlungserfolg entscheidend.

Aus Investorensicht stellt sich die Frage, ob es einen anderen Gewinner geben kann als Illumina. Im Researchbereich hat der US-Konzern Marktanteile von über 80%. Zudem hat Illumina neben der Qualitäts- auch die Kostenführerschaft inne und ist damit im Rennen um sequenzierbasierte klinische Diagnostikanwendungen klar in der Pole Position. Wie wichtig die Kostenführerschaft ist, zeigt sich bei den NIPT-Tests, wo Marktanteile bereits über den Testpreis gewonnen werden. Bei Onkologietests wird der Testaufwand um ein Vielfaches höher sein. Neben dem Liquid-Biopsy-Bluttest wird auch krankes und gesundes Gewebe der Patienten sequenziert werden müssen, und dies 10- bis 100-mal intensiver als bei konventionellen Anwendungen. Mit einem ausschliesslich sequenzierbasierten Forschungsbudget von fast USD 400 Mio. kann Illumina auch mit den Branchengrössen im Diagnostikbereich locker mithalten.

Roche Diagnostics ist der Weltmarktführer

Der wichtigste Rivale ist Roche Diagnostics (Roche Dx). Der globale Diagnostikmarktführer versucht Illuminas Siegeszug zu durchkreuzen. Roche Diagnostics hat das Marktpotenzial erkannt und investiert nach der gescheiterten Übernahme von Illumina einen Grossteil des jährlichen Forschungsbudgets von rund USD 1.1 Mrd. in den Aufbau einer sequenzierbasierten Diagnostikgeschäftseinheit.

Rund USD 2 Mrd. wurden in Akquisitionen, Beteiligungen und Vertriebsrechte investiert und so ein Portfolio entlang der Wertschöpfungskette aufgebaut. Die prominentesten Aktivitäten sind die Genia Sequenzierungstechnologie, exklusive Vertriebsrechte für die Sequenziertechnologie von PacBio in der Humandiagnostik sowie die Mehrheitsbeteiligung an Foundation Medicine, einem führenden Labordienstleister der personalisierten Behandlung von Krebspatienten.

Die Roche-Gruppe ist der globale Marktführer bei Krebsmedikamenten und dadurch bestens mit den Anwendern vernetzt. Das erleichtert sowohl den Vertrieb als auch die Umsetzung der klinischen Studien. Die sequenzierbasierten Onkologietests werden die volle Kostenrückerstattung nur erhalten, wenn in langjährigen klinischen Studien nachgewiesen werden kann, dass die Tests bessere Behandlungsentscheide ermöglichen und den Behandlungserfolg steigern. Aber die Zeit drängt und Roche Diagnostics hatte in der Vergangenheit Mühe, die Entwicklungszeiten einzuhalten. Roche Dx muss schnellstens ein integriertes sequenzierbasiertes Diagnostikangebot für den Onkologiebereich anbieten. Ansonsten wird sich Illumina wie bereits im Researchbereich als Goldstandard etablieren.

Qiagen könnte ein Übernahmekandidat werden

Als dritte Macht im Diagnostikgeschäft wird Qiagen gehandelt. Die Komplettlösung mit Namen GeneReader NGS System wurde im November an einer Fachmesse vorgestellt. Sie soll durch einen hohen Automatisierungsgrad und Benutzerfreundlichkeit glänzen. Zur Zulassungsstrategie wurden keine Angaben gemacht und trotz integriertem Workflow ist das System keine Lösung für den breiten Massenmarkt. Hinzu kommen das Technologierisiko, die fehlende kritische Grösse im Gensequenzierbereich sowie ein limitiertes Forschungsbudget. Andererseits wird Qiagen als Übernahmekandidat gesehen, was nicht überrascht, scheinen doch Siemens und Abbott Diagnostics die Entwicklung in der Gensequenzierung zu verschlafen und einen Substanzzufluss in der traditionellen Molekulardiagnostik gebrauchen zu können.

Gibt es im Diagnostika-Markt noch weitere Player?

Thermo Fisher Scientific hat mit seinen Ion-Sequenzierern ein Produktportfolio, das sich dank schnellen Testzeiten und geringen Probemengen besonders eignet für die klinische Diagnostik, und das Unternehmen verfügt über die kritische Grösse, um dieses Geschäftsfeld erfolgreich entwickeln zu können. Ein attraktives Risiko-Rendite-Verhältnis versprechen die grossen US-Diagnostiklabordienstleister wie LabCorp und Quest Diagnostics. Sie decken mit den Standarddiagnostiktests ihre Fixkosten ab und erwirtschaften mit den komplexen molekularen Tests den Ertrag. Durch den erwarteten Boom der sequenzierbasierten Diagnostiktests dürften diese Unternehmen ein überproportionales Gewinnwachstum realisieren. Gleichzeitig vermeidet der Investor das Technologierisiko: Die Firmen wählen einfach die beste Lösung zum günstigsten Preis.

Die Zukunft der Diagnostik hat erst begonnen

Das Privatunternehmen Adaptive Biotechnologies will die Reaktion des Immunsystems auf Angriffe von Krebszellen überwachen. Ziel ist es, Krebs von einer tödlichen in eine behandelbare chronische Krankheit zu wandeln.

Bei gesunden Menschen sollen neben dem individuellen Genprofil auch andere Diagnostikverfahren angewendet und das eigene Verhalten und Umwelteinflüsse kontinuierlich gemessen werden. Das Privatunternehmen Human Longevity, gegründet von Genpionier Craig Venter, weitet die Gensequenzierung auch auf im Körper lebende Mikroorganismen und den Metabolismus aus. In Kombination mit bildgebenden Verfahren wie Ganzkörper-MRI, tragbaren Überwachungsgeräten und Gesundheitschecks sollen wichtige zusätzliche Daten gesammelt werden, die es ermöglichen sollen, mehr über die Ursachen und Auslöser von Krankheiten zu erfahren.
Zunehmend eingesetzt werden Big-Data-Anwendungen - also die Verarbeitung riesiger Datenmengen.

Das ruft auch Alphabet auf die Bühne, die Muttergesellschaft von Google investiert seit Jahren in Gentechnik. Die Verbreitung der Gensequenzierung, die Erhebung von Vitaldaten über tragbare Geräte wie Fitnessbänder oder die iWatch spielen Google in die Hände. Der Konzern versucht aus dem Datenmeer die richtigen Schlüsse über die Auslöser von Krankheiten zu ziehen.

BB Adamant Medtech (Lux)

Der Fonds investiert weltweit in Unternehmen im Medizinaltechniksektor. Branchenspezialisten fokussieren auf mittel- und grosskapitalisierte Unternehmen, die über ein reiferes Produktportfolio verfügen. ISIN B-EUR: LU0415391431

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