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23.05.2017 | 07:01

Degroof Petercam: Neue Krise in Brasilien ist kein Anleger-Drama

Anleger sollten sich wegen des politischen Skandals um den brasilianischen Staatspräsidenten Michel Temer keine Gedanken machen – mittelfristig sollte es wieder aufwärts gehen. Diesmal ist es anders: Im Gegensatz zur wirtschaftlichen Krise unter Vorgängerin Dilma Rousseff zeigen viele Indikatoren in die richtige Richtung.

Politaffären an der Tagesordnung

Der neuerliche politische Skandal, der Brasilien derzeit erschüttert, hat auch die Finanzmärkte des Landes Ende vergangener Woche durchgeschüttelt. Während die Landeswährung Real und brasilianische Standardaktien um 8 Prozent fielen, sanken die Notierungen brasilianischer Staatsanleihen sogar um 9 Prozent – entsprechend einem Renditeanstieg von 180 Basispunkten.
Auslöser ist Staatspräsident Michel Temer: Er soll ein Mitwisser im Korruptionsskandal um den staatseigenen Petrobras-Konzern sein und gebilligt haben, dass die Fleischbarone des Landes Schweigegelder zahlen. Temer hatte erst im August 2016 seine umstrittene Vorgängerin Dilma Rousseff gestürzt. Unter ihrer Führung rutschte Brasilien in die größte Rezession seit 30 Jahren, begleitet von zweistelliger Inflation, einem besorgniserregenden Leistungsbilanzdefizit und unkontrollierter Fiskalpolitik.

Stabilere Wirtschaft sorgt für Halt

„Die Ausgangslage in Brasilien ist heute eine ganz andere“, betont Thierry Larose, Schwellenländer- experte bei Degroof Petercam Asset Management. Er mahnt zur Besonnenheit: „Anleger sollten sich von den aktuellen Verwerfungen am brasilianischen Finanzmarkt nicht verunsichern lassen. Die meisten Wirtschaftsindikatoren sind heute deutlich besser als noch in den Jahren 2015 und 2016 oder bewegen sich zumindest in die richtige Richtung. Zudem wurden bereits wichtige Reformen eingeleitet, wie die Begrenzung der Staatsausgaben. Diese Maßnahmen sollten die Wirtschaft Brasiliens auf dem Erholungspfad stützen“, so Larose, der den Schwellenländer-Staatsanleihefonds DPAM L Bonds Emerging Markets Sustainable managt. Beruhigend wirken zudem die Ankündigungen der brasilianischen Zentralbank sowie des Finanzministeriums, aktiv in die Märkte einzugreifen, um Liquidität bereitzustellen und die Volatilität möglichst niedrig zu halten.

Politische Schlammschlacht steht bevor

Während Staatspräsident Temer die gegen ihn erhobenen Vorwürfe als haltlos bezeichnet und einen Rücktritt bislang ausschloss, müssen sich Anleger darauf einstellen, dass es noch einige Zeit dauern kann, bis an den brasilianischen Finanzmärkten wieder Ruhe einkehrt. Bis dahin dürften die Schwankungen weiterhin hoch bleiben. Sollten sich die Vorwürfe der Bestechlichkeit weiter erhärten und der Druck auf Michel Temer noch steigen, wäre ein Rücktritt allerdings unausweichlich. Ein neuer Präsident müsste für den Rest der laufenden Amtsperiode vom Nationalkongress innerhalb von 30 Tagen gewählt werden. Als Favorit sieht Brasilien-Kenner Larose die derzeitige Präsidentin des obersten Gerichtshofes, Cármen Lúcia, an. Sie gilt als integre Persönlichkeit im politischen Mitte-Rechts-Lager.

Raum für engere Spreads bei Staatsanleihen

„Welches Szenario sich auch immer am Ende bewahrheitet, wir glauben, dass sich die Risikoaufschläge bei brasilianischen Staatsanleihen wieder verringern werden“, sagt Thierry Larose. „Der erneute Verlust an Vertrauenswürdigkeit in der politischen Führung in Brasilien ist ein herber Rückschlag. Von heute auf morgen werden die Schäden der politischen Affäre um Michel Temer nicht beseitigt sein. Mittelfristig sollten aber die Risiken sinken und brasilianische Staatsanleihen wieder mehr gefragt sein“.

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