News

Fonds im Fokus

Fondspreise

26.09.2017 | 12:52

Credit Suisse: Der große Aufstieg Vietnams

Vietnam erlebt seit 30 Jahren einen beeindruckenden wirtschaftlichen Aufschwung. Eine junge Generation von Firmengründern will die Erfolgsgeschichte des Landes weiterschreiben – und zelebriert dabei die Marktwirtschaft.

Der große Aufstieg
«Get Rich or Die Tryin’» heisst eines der erfolgreichsten Rap-Alben aller Zeiten (auf Deutsch: «Werde reich oder stirb beim Versuch dabei»). Es stammt vom USMusiker 50 Cent. Sein vietnamesischer Kollege Wowy ist gerade noch beim Versuch – genauso wie sein Heimatland.

Wowy steht in einer Rooftop-Bar in der Wirtschaftsmetropole Ho-ChiMinh-Stadt, er nippt an einer Bier asche und guckt sich um: Die Frauen tragen elegante Kleider und holen gelegentlich für ein Sel e ein glitzerndes Smartphone aus ihren Handtaschen heraus. In der Ferne funkeln die Lichter der Millionenstadt. Egal, wo man hier auf dem 26. Stock hinschaut: Jeder Bildausschnitt könnte auch aus einem Werbe lm stammen.

Der Musiker im weissen Anzug und schwarzen Unterhemd hat es schon weit gebracht. In seiner Kindheit habe er manchmal zu wenig zu essen gehabt, sagt der 29-Jährige. Heute trinkt er Bier auf einer Dachterrasse und unten im Parkhaus, 150 Meter tiefer, steht sein alter Mercedes. Aber Wowy will noch mehr erreichen.

«Schöne Aussicht hier oben», sagt er. «Wenn ich einmal wirklich reich bin, werde ich mir auch so eine Wohnung kaufen.» Schon bald wird sein Modelabel starten, es heisst «Black Lotus».

Ruhm macht nicht satt

Keine Frage, es geht aufwärts in Vietnam. Dieses Jahr soll die Volkswirtschaft laut Weltbank um rund 6,3 Prozent wachsen – schneller als die meisten anderen Länder in der boomenden Region. Nichts Neues für Vietnam, seit 2000 legt die Wirtschaft jedes Jahr durchschnittlich 6,2 Prozent zu (siehe Abb. 1). Noch 1989 lag das jährliche Pro-Kopf-Einkommen unter 100 Dollar.
Heute sind es über 2000 Dollar. Und mehr als sieben Millionen Roller sind auf den Strassen von Ho-Chi-Minh-Stadt unterwegs. 2011 waren es erst zwei Millionen.
Die Weltbank bezeichnet den Aufstieg Vietnams als eine «entwicklungspolitische Erfolgsgeschichte». Diese Geschichte begann im Jahr 1986, als die Kommunistische Partei Vietnams sich eingestehen musste, dass die radikale Planwirtschaft gescheitert war. Die Amerikaner waren seit gut zehn Jahren vertrieben, doch die Wirtschaft lag am Boden. Der Stolz, eine Weltmacht geschlagen zu haben, machte die Bevölkerung nicht satt.

Mit den sogenannten Doi-MoiReformen (zu Deutsch: Erneuerung) setzte Vietnam dabei auf ähnliche Massnahmen wie der grosse Nachbar China ein paar Jahre zuvor. Zunächst gab die Kommunistische Partei den Bauern mehr Freiheiten und erlaubte Firmengründungen. Anschliessend ö nete sich das Land immer weiter internationalen Investoren. «Sozialistisch orientierte Marktwirtschaft» nennt die Führung ihr System. Es räumt dem Staat weiterhin eine grosse Rolle ein, setzt aber gleichzeitig auch auf den Markt – ein Entwicklungsmodell, das auch als «Beijing Consensus» bezeichnet wird und als Gegenentwurf zu den früheren Konzepten von Weltbank und Internationalem Währungsfonds gilt. Deren «Washington Consensus» überforderte Schwellenländer oft mit einer zu brachialen Ö nung der Wirtschaft.

Doch auch Vietnam vertraut immer stärker auf den Markt. Derzeit schliesst der Staat ein Freihandelsabkommen nach dem anderen ab: Ein Deal mit der EU ist schon eingefädelt, mit der Schweiz wird noch verhandelt. Auch an mehreren regionalen Freihandelszonen wie beispielsweise der RCEP beteiligt sich der Staat. Die Vietnamesen begrüssen die Liberalisierung ihrer Wirtschaft, laut einer Pew-Umfrage unterstützen 95 Prozent der Bevölkerung das System der Marktwirtschaft. Das sind so viele wie in keinem anderen Land der Welt. Die Spannung zwischen Sozialismus und liberaler Marktwirtschaft prägt das Leben in Vietnam. Die Menschen stehen vor Ho Chi Minhs Mausoleum in der Hauptstadt Hanoi Schlange, aber auch vor Starbucks – und sind davon so begeistert, dass sie Sel es vor der Filiale machen.

Die Markt-Rebellin

Guy Dam hat den Systemwechsel persönlich miterlebt – und ihn genutzt. Bevor die 56-Jährige Präsidentin der Fulbright University Vietnam wurde, gehörte sie zu den bekanntesten Managerinnen in der Finanzindustrie des Landes, unter anderem war sie CEO für die Mekong-Region der ANZ Bank. Von ihrem gläsernen Büro in einem der Wahrzeichen von HoChi-Minh-Stadt, dem Bitexco Financial Tower, aus sieht sie hinunter auf das Gewusel der Metropole. In der Ferne ragen Baukräne empor, die komplett neue Stadtviertel hochziehen. Von hier oben kann sie täglich den Aufschwung ihres Landes beobachten. Ein starker Kontrast zu ihrer Kindheit, als sie noch um drei Uhr morgens aufstehen

«Als sich Coca-Cola meldete, wussten wir: Es bewegt sich etwas.»

musste, um Lebensmittelmarken zu erhalten. Im Dezember 1972 erlebte sie als junges Mädchen die Operation Linebacker II, auch bekannt als die «Christmas Bombings», hautnah. Aus zwanzig Kilometern Entfernung musste sie ansehen, wie Hunderte von taktischen Bombern der amerikanischen Streitkräfte Hanoi in Schutt und Asche legten.
Doch uy Dam (der Familienname wird in Vietnam vorangestellt) zeichnet eine Eigenschaft aus, die viele Vietnamesen haben: eiserne Disziplin. uy lernte im Schein von Öllampen, studierte später Englisch und ergatterte 1986 einen begehrten Posten im Wissenschaftsministerium. Ihre Karriere begann genau zu jener Zeit, als sich das Land langsam ö nete. Im Ministerium war sie für Patente und Lizenzen zuständig – und plötzlich meldeten Unternehmen wie Citibank oder Coca-Cola ihre Handelsmarken an. «Da wussten wir: Es bewegt sich etwas», sagt sie.

Mit vier Kollegen aus dem Ministerium machte uy die erste Unternehmensberatung Vietnams auf, spezialisiert auf den Markteintritt ausländischer Firmen, in einer kleinen Seitenstrasse in Hanoi. Im hinteren Teil des Hauses wohnte eine Familie, vorne tippte uy mit ihren Mitstreitern auf Schreibmaschinen ihre Briefe, die sie in die weite Welt versandten. Die Vietnamesin lernte ambitioniert weiter: Während sie für die Anzugträger aus dem Westen Vietnams Bürokratie aufschlüsselte, liess sie sich Bücher von ihnen mitbringen. Nebenbei nutzte uy ihre Kontakte zum Innenministerium und gelangte an kon szierte Werke. Sie lernte, was Marktwirtschaft überhaupt ist – und war begeistert.

«Ich war eine Markt-Rebellin», sagt sie heute über diese Zeit, in der sie immer wieder die Grenzen auslotete. 1989 lud ihr Beratungsunternehmen die Chefs europäischer Börsen auf den Opernplatz von Ho-Chi-Minh-Stadt zu einer ö entlichen Diskussion darüber ein, wie ein vietnamesischer Handelsplatz aussehen könnte. Mit riesigen Lautsprechern beschallte uy die Umgebung, sie selbst übernahm die Übersetzung des Podiums. Das Interesse war riesig, Tausende von Vietnamesen versammelten sich auf dem Platz. «Die Leute hatten so etwas noch nie gesehen», erzählt die Unternehmerin.

Auch für die Kommunistische Partei in Vietnam war es etwas Neues. Die Regierung machte uys Unternehmensberatung für sechs Monate dicht. «Wir waren vielleicht ein bisschen zu stürmisch», sagt sie heute. Auch die Idee, zwei riesige Coca-Cola-Flaschen vor dem Opernhaus in Hanoi aufzubauen, kurz nachdem die Amerikaner 1994 das Embargo aufhoben, ge el den Parteikadern weniger. Dafür wurde sie wenig später in eines der härtesten MBA-Programme der Welt aufgenommen, jenes von Wharton in Philadelphia.

Wertschöpfung zu gering?

Noch heute ringt die Führung der Partei mit der Frage, wie weit die Liberalisierung gehen soll. Weiterhin wird ein Fün ahresplan beschlossen, der die Grundzüge der Wirtschaftspolitik vorgibt. Die Preise werden teilweise reguliert und noch immer beherrschen grosse Staatsbetriebe die Wirtschaft. «Nach innen betont die Regierung ihre sozialistische Ausrichtung», sagt Le Dang Doanh, einer der bekanntesten Ökonomen Vietnams, «nach aussen kommuniziert das Land, es sei eine Marktwirtschaft.»

...

Lesen Sie den vollständigen Beitrag hier.