20.07.2015 | 06:45 Uhr

Iran-Deal: „Strukturen des Öl-Marktes werden sich nicht ändern“

Iran-Deal: „Strukturen des Öl-Marktes werden sich nicht ändern“
Daniel Rauch

FundResearch spricht mit LBBW-Rohstoffexperte Daniel Rauch über die Auswirkungen des Abkommens mit dem Iran und die Zukunft des Ölmarktes.

Ölpreis Volkswirtschaft Politik

Am 14. Juli 2015 war es soweit: Nach 13 Jahren Verhandlung haben sich der Iran und die 5+1 Staaten (China, Frankreich, Russland, USA und Großbritannien plus Deutschland) auf ein Abkommen einigen können. Der Iran erklärt sich bereit, sein Atomprogramm auf nicht-militärische Ziele zu begrenzen, im Gegenzug dafür werden UN, EU und die USA ihre Sanktionen gegenüber dem Land schrittweise lockern. Die gestern erzielte Einigung ist eine Chance für den Iran, international eine Rolle zu spielen, sowohl politisch, bei der Terrorismus-Bekämpfung, als auch wirtschaftlich, im Besonderen beim Thema Ölexporte. Welche Auswirkungen die Öffnung des Iran für das Land, den Ölmarkt und die globale Wirtschaft bedeuten könnte bespricht FundResearch mit dem Rohstoff-Fondsmanager Daniel Rauch von LBBW Asset Management. 

FundResearch: Wie wird sich die Entwicklung des Iran auf den Ölpreis auswirken, besonders im Hinblick auf die lange Frist? Wird bzw. kann der Iran seine Ölexporte überhaupt sukzessive steigern? 

Daniel Rauch: Man darf sich nicht der Illusion hingeben, dass der Iran nun den Weltmarkt flutet. Es gibt schon jetzt eine geschätzte Überversorgung des Marktes von bis zu 1,5 Millionen Barrel pro Tag. Zudem sind die Lager vor allem in Amerika gut gefüllt.

FundResearch: Aber der Iran verfügt doch über große Ölreserven…

Daniel Rauch: Mit ca. 3 Millionen Barrel Öl pro Tag befindet sich der Iran zwar unter den Top-10-Förderländern, ist aber von der Spitze noch weit entfernt. Zudem belieferte der Iran in der Vergangenheit Staaten wie beispielsweise China, so dass das Land bereits in der Vergangenheit als Anbieter am Markt tätig war. Des Weiteren wird es für den Iran gar nicht einfach sein, seine Ölproduktion rasch zu erhöhen, weil Produktions- und Transporteinrichtungen nach mehr als drei Jahren erst wieder hochgefahren und instand gesetzt werden müssen. Ganz abgesehen von diesen technischen Gegebenheiten, dürfte es ohnehin keine schnelle Rückkehr des Iran an den internationalen Ölmarkt geben. Zunächst muss das Abkommen durch den US-Kongress sowie die UN noch ratifiziert werden. Danach muss der Iran die vertraglichen Bedingungen umsetzen. Zuletzt muss die Internationale Atomenergiebehörde noch verifizieren, ob die vereinbarten Bedingungen im Iran auch tatsächlich umgesetzt wurden. Erst im Anschluss daran könnte der Iran seine Ölexporte wieder steigern. Das dürfte voraussichtlich erst im Laufe des Jahres 2016 der Fall sein.

FundResearch: Dann ändert sich erst einmal gar nichts?

Daniel Rauch: Zweifelsohne wird das Öl, das sich bisher auf Tankern oder Lagern befindet, den Weg an den Markt finden und den Ölpreis vorerst belasten. Die internationale Energieagentur berichtet beispielsweise von 17 Millionen Barrel, die auf diese Weise an den Markt gelangen könnten. Andere Quellen schätzen die Zahl sogar auf 30 Millionen Barrel. Es bestehen also große Unsicherheiten ob des kurzfristigen Angebots. 

FundResearch: In welchem Rahmen wird sich der Ölpreis zukünftig bewegen?

Daniel Rauch: Die Relation aus Angebot und Nachfrage spricht nicht für steigende Ölpreise. Auf dem aktuellen Niveau im Bereich von 50 US-Dollar scheint der Markt sein Gleichgewicht zu finden. Richtungsweisende Signale zur mittelfristigen Ölpreisentwicklung könnten sich auf der nächsten OPEC-Sitzung am 4. Dezember ergeben. Bis dahin wird man besser abschätzen können, welche Rolle die iranischen Ölexporte am Weltmarkt spielen werden. Die OPEC wird sich dann erneut mit der Frage konfrontiert sehen, wie bzw. ob ein weiterer Anstieg des OPEC-Angebots verhindert werden soll. 

FundResearch: Wie sieht der Ölmarkt der Zukunft aus? Entwickeln wir uns von einem Monopol/Oligopol zu einem kompetitiven Markt, in welchem Preise durch Grenzkosten bestimmt werden?

Daniel Rauch: An den bisherigen Strukturen sollte die Einigung mit dem Iran aus unserer Sicht nichts ändern. Die OPEC als prominentester Vertreter fördert beispielsweise geschätzte 31,4 Millionen Barrel pro Tag. So eine Vereinigung ist mächtig und lässt sich nicht so einfach abschaffen. Zudem sind die Kosten für die Förderung höchst unterschiedlich. So fördern die Vereinigten Arabischen Emirate das Öl beispielsweise zu einem Preis von ca. 20 US-Dollar pro Barrel, während Venezuela deutlich mehr als 100 US-Dollar pro Barrel aufweist. 

FundResearch: Sollte der Ölpreis weiter sinken, bleibt Fracking in Amerika da noch rentabel?

Daniel Rauch: Für Amerika ist nicht alleine der Ölpreis entscheidend: Obwohl dieser spürbar zurückgegangen ist, fördert Amerika deutlich mehr Öl als Mitte 2008, als der Ölpreis pro Barrel weit über 100 US-Dollar lag.

Quelle: BP Statistical Review 2015

In Amerika geht es auch beim Fracking um Unabhängigkeit – die Unabhängigkeit davon, Öl importieren zu müssen. Amerika wird sicher auch zukünftig, selbst bei anhaltend gedrücktem Preisniveau, ein bedeutender Ölproduzent bleiben.

FundResearch: Bleiben wir bei den Auswirkungen der Öffnung des Iran auf internationale Märkte: Was bedeutet die Entwicklung für Russland?

Daniel Rauch: Russland hat wie der Westen auch ein Interesse daran, die wirtschaftlichen Beziehungen zum Iran zu intensivieren. Bisher standen vor allem Waffenlieferungen, wie die Lieferung des Raketenabwehrsystems S-300, im Vordergrund. Dies könnte zukünftig um eine zivile Komponente, wie z.B. Modernisierung von Öl-Förderanlagen, ergänzt werden.

FundResearch: Wie wirkt sich die Entwicklung auf die deutsche Wirtschaft aus?

Daniel Rauch: Positiv. Dass ein niedriger Ölpreis konjunkturstimulierend wirkt, ist unbestritten. Und die Lockerung oder Abschaffung von Handelsbeschränkungen wirkt exportfördernd. Zahlreiche deutsche Unternehmen stehen bereit, um mit ihrem Know-How und mit ihren Technologien im Iran den Modernisierungsstau aufzuholen.

FundResearch: Könnten die Konflikte im Nahen Osten zunehmen? Saudi Arabien ist selbst ein großer Ölexporteur …

Daniel Rauch: Vielleicht setzt sogar eine entgegengesetzte Wirkung ein: Saudi Arabien verfolgt beim Öl ja ein ähnliches Ziel wie der Iran: Den Amerikanern möglichst wenig Marktanteil-Gewinne zu gönnen. Und wenn der Iran mit Öl auf den Markt kommt, muss Saudi Arabien künftig nicht mehr an der eigenen Kapazitätsgrenze produzieren. Was die Rentabilitätsrechnung für die Saudis sicher verbessert. 

(TL)

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