19.04.2017 | 11:20 Uhr

Die Fondsgebundene und der Deckungsstock

Die Fondsgebundene und der Deckungsstock
Versicherungsfonds bieten wenig Rendite (Bild: FR)

Geld muss arbeiten! – aber das Risiko wollen wir nicht: Getreu ­dieser Maxime vertreiben die Lebensversicherer immer mehr fonds­gebundene Lebensversicherungen oder sogenannte Unit-Linked-Ver­sicherungen. Dies hat Auswirkungen auf das Sicherungsver­mögen und tangiert die Nachfrage nach Spezialisten für ­illiquide ­Anlagen sowie deren Job-Profil.

Lebensversicherungen Investmentfonds Zukunft

Bei zurückgehenden Einnahmen aus laufenden Beiträgen und Einmalbeiträgen entscheiden sich immer mehr Kunden in der Lebensversicherung inzwischen für abgewandelte Garantieprodukte wie die „neue Klassik“, teilte der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft im Januar mit. Auf sie entfielen laut dem Verband 2016 im Neugeschäft bereits 46 Prozent, nach 37 Prozent im Jahr ­zuvor. Damit bestätigt sich der Trend der Vorjahre. 2014 lag der Anteil noch bei 31 und 2013 bei 24 Prozent. Da bei klassischen Lebensver­sicherungen die Garantie aufsichtsrechtlich seit 2017 auf 0,9 Prozent gedeckelt ist und auch die Überschussbeteiligungen im Sinkflug sind, machen fondsgebundene Lebensversicherungen für den Endkunden durchaus Sinn. Die für den Deckungsstock investierenden Mitarbeiter in der Kapitalanlage einer Versicherung dürfte jedoch die Frage ­beschleichen, ob der Trend zur Fondsgebundenen auch in ihrem ­Sinne ist. Ausgelagert wird nämlich nicht nur das Risiko, ­sondern in der Regel auch das Asset Management.

Beispiel Huk-Coburg Lebensversicherung: Die Huk offeriert dem Kunden verschiedene ETF von I-Shares. Auch die Dachfonds-­Angebote sind sehr ressourcenschonend aufgesetzt: Hier investiert Feri in ETF verschiedener Anbieter und Asset-Klassen. Beispiele für Anbieter sogenannter Drei-Topf-Modelle aus Deckungsstock, Wertsicherungsfonds und freier Fondsanlage sind die Lebensversicherer der Stuttgarter und der Universa. Für die Stuttgarter werden die Wertsicherungsfonds von Schroders, DWS und C-Quadrat gemanagt, die freien Fonds sind mit namhaften Publikumsfonds wie dem ­Akkumula der DWS, dem Magellan von Comgest oder dem Multi Asset von Flossbach von Storch sowie Produkten von weiteren bekannten aktiven Managern und ETF bestückt. Für die Mitarbeiter der ­Kapitalanlage der Versicherer gibt es dagegen wenig zu managen. Dies gilt insbesondere für die Spezialisten illiquider Assets wie Private Equity, Immobilien­ und Infrastruktur.

Gefährdet der Trend zur Fondsgebundenen also die Arbeitsplatz­sicherheit insbesondere der Alternatives-Experten? Zumindest nicht akut. Dafür sprechen verschiedene Gründe. „Selbst bei großen ­Erfolgen im Verkauf von fondsgebundenen oder hybriden Produkten werden sich die Gewichte in der Kapitalanlage nur langsam ­ver­ändern. Daher werden Spezialisten für illiquide Asset-Klassen dringend ­benötigt“, erklärt Volkswohl-Bund-Vorstand Axel-Rainer Hoffmann. Ähnlich argumentiert der Versicherungsexperte Dr. Carsten Zielke: „Das Bestandsgeschäft mit klassischen Lebensversicherungen ist sehr groß und hängt noch sehr lange nach. Der Eiopa-Stresstest hat auf ­kapitalgewichteter Basis eine Duration der Verbindlichkeiten von 21,4 Jahren ermittelt.“ Der Geschäftsführer von Zielke Research Consult weist zudem darauf hin, dass es auch noch Versicherer gibt, die klassische Lebensversicherungen schreiben: „Diese Gesellschaften benötigen auf jeden Fall Spezialisten für illiquide Assets.“ Zwei ­weitere Kontra­argumente: Das interne Asset Management arbeitet nicht nur für Leben, sondern auch für Kranken und Sach. Weiter darf nicht vergessen werden, dass auch die fondsgebundenen Produkte in der Regel­ Garantien enthalten. Diese beziehen sich in der ­Ansparphase auf einen bestimmten Prozentsatz, zu dem das eingezahlte Kapital ­garantiert wird und in der Auszahlungsphase auf eine Mindestrente. Dieser Prozentsatz und die Mindestrente müssen gedeckt sein. Ohne das Angebot von Garantien würden sich Versicherer eines großen Wettbewerbsvorteils rauben. Und für die Erwirtschaftung von ­Garantien braucht es einen Deckungsstock – und für diesen in der Niedrigzinswelt auch Infrastruktur, Immobilien und Private Equity. „Die Entwicklung hin zur fondsgebundenen Lebensversicherung geht nicht zu Lasten der Alternatives-Mitarbeiter“, teilt die ­Gothaer mit.

Zweifellos sinkt der Garantieanteil aber und teilweise basieren die ­Garantien auch nicht auf dem Deckungsstock, sondern stammen von einer Bank, die diese mit Derivaten kreiert. Gerade die Arbeitsplatz­sicherheit von jüngeren Spezialisten für Windparks, Buyouts oder ­Residentials könnte der Trend zur Fondsgebundenen gegen ­Ende der Berufskarriere gefährden. Denn die etwa 35 ­Jahre einer ­Berufskarriere liegen über der Durchschnittsduration der Verbindlichkeiten.

Job-Enrichment oder Job-Enlargement für Kapitalanlagechefs?
Schon heute zeichnet sich ab – genauso wie in anderen Branchen auch –, dass sich die Job-Profile ändern. Beispiel Aktien: Das Management von Aktien im Direktbestand fokussiert sich ressourcen­bedingt auf deutsche Aktien sowie passive Strategien und wird insgesamt seltener. Stärker gefragt sind dagegen Kompetenzen in der ­Selektion von Publikumsfonds, für deren Monitoring, für ­Research und für das Risiko­management. „Dieses Know-how ist in der Abteilung Kapitalanlage meist vorhanden, da im Allgemeinen die Komplexität der ­Anlagen des klassischen Deckungsstocks nicht geringer ist als die­jenige der Fonds. Man benötigt daher nicht tiefere Kenntnisse, aber eventuell eine höhere Anzahl an MitarbeiterInnen, die sich um eine gestiegene Anzahl von Fonds kümmern können“, erläutert Axel-­Rainer Hoffmann vom Volkswohl-Bund. Dazu passt, dass die Gothaer im Januar ankündigte, das Managementteam der Gothaer Fonds bei der Gothaer Asset Management (Goam) „personell zu verstärken, insbesondere­ im Bereich Research und Risikomanagement“. Aktuell ­beschäftigt die Goam 62 Mitarbeiter in der Kapitalanlage.

Exkurs: Interessant ist, dass sich von den Aussagen Axel-Rainer Hoffmanns und den Plänen der Gothaer ableiten lässt, dass Aktien-Ressourcen nur bedingt skalierungsfähig sind. Dies rührt auch daher, dass mit steigendem Aktienvolumen eher in Small Caps oder Emerging Markets diversifiziert wird, als noch mehr in europäische Blue Chips zu gehen. Skalierungspotenzial haben Versicherer eher in ­Private Equity erschlossen, wo der strukturierte Aufbau von Beteiligungsprogrammen Schnupperinvestments ablösen. Marcus Severin, Versicherungsexperte bei Blackrock, hat beobachtet, dass die Investi­tionsgröße pro ­Private-Equity-Fonds deutlich zugenommen hat: „Wo früher fünf ­Millionen committed wurden, sind es heute oft eher 50. Zudem ist die Entscheidungsgeschwindigkeit deutlich höher.“

Zurück zu Aktien: Hamed Mustafa von Blackrock bezweifelt, dass es künftig noch reine Aktienabteilungen geben wird: „Diese Mitarbeiter beschäftigen sich heute stark mit Dachfondskonstrukten oder Multi Asset.“ Diese Veränderungen zusammengefasst und auf ein Orchester übertragen, lauten dann, dass die Aktienanleger immer seltener selbst im Orchestergraben sitzen, sondern vielmehr dirigierend vor ­einem (externen) Ensemble stehen.

Die Fähigkeit, harmonisch zusammenzuspielen, wird dagegen viel stärker auf Unternehmensebene gesucht. „Bei hybriden Produkten, wie zum Beispiel unserer modernen Klassik, benötigt man nicht nur in der Fondsauswahl, sondern speziell im Aktuariat besonderes Know-how in der Produktentwicklung“, führt Axel-Rainer Hoffmann aus. Über verstärktes abteilungsübergreifendes Arbeiten kann auch ­Blackrocks Hamed Mustafa berichten: „In Kunden-Meetings zu Unit-Linked-­Produkten treffe ich nun auch den Leiter Kapitalanlage.“ ­Dessen ­Anwesenheit hat verschiedene Gründe. Mustafa erklärt: „Er ist involviert, um die Qualität und insbesondere die Kosteneffizienz von ETF oder alternativen Ucits zu beurteilen. Ein großes Thema ist auch, ­welche Rolle der Deckungsstock spielt, wie dieser genutzt oder ­ent­lastet werden kann.“

Und wo werden die Spezialisten für illiquide Assets gefordert, die Mauern ihres Alternatives-Silo aufzubrechen? Womöglich in einem viel geringeren Maße als bei anderen Konzerneinheiten. Deren Assets sind schließlich bis dato auf einem Wachstumspfad, da Bond Proxys gesucht werden, und auch aus Effizienzüberlegungen heraus: Jeden in Aktien investierten Euro mit 39 Cent unterlegen zu müssen, ist teuer. Da könnte es effizienter erscheinen, weitere zehn Cent in Kauf zu nehmen, um die Überrenditen von Private Equity zu vereinnahmen. Ein weiterer Faktor ist die Entwicklung von Dachfonds hin zu Singlefonds und die Aufsplitterung des Private-Equity-Universums über Buyouts und Venture Capital hinaus in Secondaries, Mezzanine, Debt, Emerging Markets und so weiter, was ein höheres Fachwissen erfordert. „Experten für illiquide Assets bleiben weiter auf illiquide Assets fokussiert“, ist sich Severin sicher. „Allenfalls bei der Asset-Klasse ­Infrastructure Debt, die zwischen Fixed Income und Infrastruktur ­sowie zwischen der liquiden und illiquiden Welt steht, lösen sich die Silogrenzen auf.“

Die Alternatives-Quote: eine Frage der Solvenz
In den kommenden Jahren werden die Kompetenzen für Buyouts, ­Renewables oder Value-add-Immobilienstrategien noch sehr gefragt sein. In welchem Maße und welche Kompetenzen genau hängt von der einzelnen Versicherung ab. „Die Quote für Alternatives ­beziehungsweise deren Aufbaumöglichkeit hängt von der Solvenz ­einer Versicherung ab“, erklärt Dr. Walter Botermann, Vorstands­vorsitzender der Alten Leipziger. Nachgelagert dürften aber auch ­persönliche Erfahrungen und Vorlieben eine Rolle spielen oder ob der Leiter Kapitalanlage als Asset Manager oder Controller sozialisiert wurde. Welche Alternatives sich eine Versicherung erschließen ­möchte, ist eine Frage der versicherungstechnischen Ausrichtung, ­also ob die Liquiditäts- und Ertragseigenschaften der Asset-Klasse zu den versicherungstechnischen Erfordernissen passen, erläutert der Alte-Leipziger-Hallesche-Konzern. „Nach der Solvenz ist die Cashflow-Projektion entscheidend“, erklärt Carsten Zielke. Und weiter: „So verbietet sich zum Beispiel Infrastruktur wegen des extrem langen Anlagehorizonts, wenn sich der Bestand schnell abbaut.“ Private Equity wiederum hat ­einen schweren Stand, wenn sofort laufende ­Erträge benötigt werden oder Liquidität ein wichtiges Kriterium ist.

Entsprechend dieser Kriterien leitet sich das Anforderungsprofil für die Mitarbeiter ab – zumindest wenn auch in bestimmten Größenordnungen investiert wird. „Da wir als Alte-Leipziger-Hallesche-Konzern im Verhältnis zum ­Gesamtvolumen der Kapitalanlagen nur in sehr überschaubarem ­Maße in alternative Assets investieren, stellt sich die Frage des ­Spezialisierungsgrades als Suchmuster für unser Personalanforderungsprofil derzeit nicht. Wir haben diese Investitionen mit den ­bestehenden Mitarbeitern getätigt“, teilt der Oberurseler Versicherer mit. Auch dies zeigt, dass am Ende das Profil der einzelnen Versicherung entscheidet, welche Mitarbeiterprofile bezüglich Know-how und abteilungsübergreifendem Handeln gesucht sind. Faktoren sind ­insbesondere die Solvenz, die Einbindung des Deckungsstocks und wie direkt investiert wird.

Copyright portfolio Institutionell/Patrick Eisele 

 

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