16.05.2012 | 15:07 Uhr
HINTERGRUND: Im Test durchgefallen - Bei Bankberatung noch vieles im Argen
"Eine Katastrophe" nennt "Finanztest"-Chefredakteur Hermann-Josef Tenhagen das Ergebnis der Untersuchung zur Kreditberatung. Die Testkunden hätten bei den meisten Beratungsgesprächen nicht die EU-Standardinfo mit den wichtigsten Angaben wie Kreditbetrag, Monatsraten und effektivem Jahreszins erhalten. Dies sei aber gesetzlich vorgeschrieben. Ohne diese Angaben sei ein Vergleich verschiedener Angebote unmöglich, kritisiert Tenhagen. Er empfahl den Kunden, sich auf Beratungsgespräche besonders gut vorzubereiten und die Auskünfte sorgfältig zu überprüfen.
Dass mangelhafte Beratung kein Einzelfall ist, belegen auch jüngste Umfragen bei Privat- und Firmenkunden. In einer Studie der Beratungsgesellschaft Eurogroup Consulting gaben nur 42 Prozent von 1.100 befragten Kunden an, ein vertrauensvolles Verhältnis zu ihrem Bankberater zu haben. Die anderen charakterisierten es als neutral (33 Prozent), geschäftsmäßig (20 Prozent), distanziert (4 Prozent) oder misstrauisch (2 Prozent). 29 Prozent konnten sich aus diversen Gründen sogar vorstellen, innerhalb der nächsten zwölf Monate ihre Hauptbank zu wechseln.
Nichts Gutes förderte auch eine Umfrage der Commerzbank unter 4.000 deutschen Mittelständlern zutage. Sechs von zehn Unternehmern (61 Prozent) nennen darin schlechte Beratung durch Banken und Sparkassen als eine typische Schuldenfalle für den Mittelstand. Das ungeschminkte Fazit der Tester: "Die Finanzwirtschaft wird also aus Sicht der Mittelstandes ihrem eigenen Beratungsanspruch häufig nicht gerecht."
Bei Banken ist zu hören, dass sich in der Beratung "vieles verbessert" habe. Es gebe aber "noch Luft nach oben", räumt ein Branchenvertreter ein. Die Gewerkschaften sehen eine Ursache für Mängel im hohen Verkaufsdruck für Bankberater - gerade in einem engen Markt wie Deutschland mit seinen mehr als 2000 Kreditinstituten. "Die Branche ist seit einigen Jahren erheblich im Umbruch, was Vertrieb und Betrieb angeht. Gesundheitsschutz, Vertriebsdruck, psychische Belastung sind stärker ein Thema geworden als früher", sagt Verdi-Bundesvorstandsmitglied Beate Mensch.
Verbraucherschützer sehen ein erhebliches Defizit in der Kontrolle durch die Behörden: "Der Sanktionsdruck auf die Institute ist einfach zu niedrig", sagte Frank-Christian Pauli vom Bundesverband der Verbraucherzentralen (vzbv) der Nachrichtenagentur dpa. Die EU-Vorgaben für die Beratung seien eindeutig, würden aber nicht verwirklicht.
Der Frankfurter Bankenforscher Dominik Georgi, der selbst in einer Studie den "Kundennutzen von Bankprodukten" unter die Lupe nahm, kam zu dem Ergebnis: "Banken und ihre Kunden reden oft aneinander vorbei." Kunden seien durchaus bereit, wie in anderen Branchen für Service mehr zu zahlen. Dennoch gingen Banken häufig "nur über Lockangebote" wie hohe Guthabenzinsen auf Kundenfang.
Und viele Kunden lassen sich (zu) leicht ködern - so das Urteil von Rolf Tilmes, Leiter des Private Finance Institute an der EBS European Business School. Privatanlegern mangele es erheblich an finanzieller Grundbildung, sagte Tilmes dem Anlegermagazin "Börse Online" (Mittwoch): "In dieser Hinsicht leben wir in einem Entwicklungsland." Unabhängige Beratung gegen Honorar könnte eine Lösung sein, werde sich aber nicht flächendeckend durchsetzen lassen.

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